Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 11. Oktober 2026

Zwingen

I

Der Stuhl stand seit vier Jahren im Keller, und Ole hatte in diesen vier Jahren ungefähr zwanzigmal gedacht, dass man ihn machen müsste.

Es war kein besonderer Stuhl, jedenfalls nicht von der Machart her. Buche, gedrechselte Beine, eine Sitzfläche mit einem Riss quer durch die Maserung. Basti hatte ihn von seinem Großvater, und beim Umzug war eine Zarge gebrochen, und seitdem stand er unten neben der Waschmaschine und wurde bei jedem Kellergang einmal angesehen.

Basti war eine Woche auf einer Fortbildung. Ole nahm sich am Dienstag den Nachmittag.

Er machte es ordentlich. Er nahm den Stuhl auseinander, so weit es ging, ohne etwas kaputtzumachen, kratzte den alten Leim aus den Zapfenlöchern und ließ die Teile über Nacht liegen. Am Mittwoch verleimte er, setzte vier Zwingen an und zog sie nur so fest, dass es hielt und das Holz nicht litt. Er wartete vierundzwanzig Stunden, obwohl zwölf gereicht hätten.

Den Riss in der Sitzfläche füllte er nicht auf. Er hatte darüber nachgedacht und sich dagegen entschieden, weil der Riss zum Stuhl gehörte.

Am Freitag schliff er die Zarge mit der Hand nach, damit die Maserung nicht verletzt wurde, und rieb alles mit Öl ein. Er brauchte drei Stunden für einen Arbeitsgang, den ein Schreiner in vierzig Minuten gemacht hätte.

Er stellte den Stuhl in die Küche, an den Platz zwischen Fenster und Heizung, wo er hingehörte.

Dann setzte er sich hin und probierte, ob er hielt. Er hielt.

Basti kam am Samstagabend, müde, mit einer Tasche voller schmutziger Wäsche. Er stellte die Tasche ab und sah in die Küche und sagte: „Oh.“

Dann ging er ins Bad.

Später am Abend sagte er noch: „Das war viel Arbeit.“ Er sagte es freundlich. Er strich einmal mit der Hand über die Lehne, so wie man über etwas streicht, das einem gehört, und dann fragte er, ob noch Brot da sei.

Ole hatte sich das anders vorgestellt. Er hätte nicht sagen können, wie genau, aber anders.

Er hatte an dem Stuhl acht Stunden gearbeitet, verteilt über vier Tage, und es war eine Freude gewesen. Er hatte an Basti gedacht dabei. Er hatte sich vorgestellt, wie der reinkommt und ihn sieht.

Es war ein Geschenk gewesen, und jetzt stand es in der Küche und niemand redete darüber.

In der Nacht lag Ole wach und dachte, dass er es nicht verstand. Man macht jemandem etwas, das er sich seit Jahren wünscht, und bekommt ein „Oh“ und eine Frage nach Brot.

Er nahm sich vor, nichts zu sagen. Er hätte auch nicht gewusst, was.

II

Basti hatte auf der Rückfahrt an drei Dinge gedacht: an eine Dusche, an sein Bett und daran, dass er am Sonntag den Stuhl machen würde.

Er hatte es sich am Mittwochabend im Hotel vorgenommen, in dieser überdrehten Müdigkeit nach einem Fortbildungstag, an dem er acht Stunden lang zugehört hatte. Er hatte im Bett gelegen und sich vorgestellt, wie er den Keller aufräumt und den Stuhl auf den Bock legt und den alten Leim rauskratzt. Er hatte sogar überlegt, ob man den Riss füllen sollte, und war zu keinem Ergebnis gekommen.

Es war ein guter Gedanke gewesen. Er hatte ihn eingeschläfert.

Der Stuhl stand seit vier Jahren im Keller, das stimmte. Er hatte ihn zwanzigmal angesehen und nichts gemacht, das stimmte auch. Aber er hatte ihn jedes Mal angesehen, und das war der Punkt: Solange er dastand, gab es etwas, das er noch machen würde.

Sein Großvater hatte ihm als Kind gezeigt, wie man Zwingen ansetzt. Nicht an diesem Stuhl, an irgendwas anderem, an einem Regal vermutlich. Basti erinnerte sich an die Hand über seiner Hand und

daran, dass er zu fest gedreht hatte und der Großvater gesagt hatte, langsam, das Holz muss atmen können.

Er hätte das gern nochmal gemacht.

Als er am Samstag in die Küche sah, stand der Stuhl am Fenster, geölt, gerade, ohne Wackeln, und der Riss war noch da, was richtig war.

Basti sagte „Oh“ und ging ins Bad, weil ihm nichts eingefallen war, das nicht undankbar geklungen hätte.

Unter der Dusche versuchte er sich zusammenzureißen. Er zählte auf: Ole hat vier Tage daran gearbeitet. Ole hat es gut gemacht. Ole hat es aus Liebe gemacht. Er hat den Riss gelassen, was bedeutet, dass er verstanden hat, worum es geht.

Es half nichts. Was er fühlte, war nicht Dankbarkeit, sondern ein Loch — an genau der Stelle, wo bis Mittwochabend noch ein Plan gewesen war.

Später sagte er, das sei viel Arbeit gewesen, und strich über die Lehne, weil er das Bedürfnis hatte, den Stuhl anzufassen, und fragte dann nach Brot, weil er Hunger hatte.

In der Nacht lag er wach und dachte, dass er sich zusammenreißen muss. Es ist ein Stuhl. Es ist ein reparierter Stuhl, und der andere hat es aus Liebe getan, und wer daran etwas auszusetzen hat, ist ein undankbarer Mensch.

Er nahm sich vor, nichts zu sagen. Er hätte auch nicht gewusst, wie.

III

Am Sonntagmorgen saßen sie in der Küche.

Basti saß auf dem Stuhl, weil das der Platz am Fenster war und weil er da immer saß. Ole gegenüber.

„Kaffee?“

„Gern.“

Draußen war es hell und windig, und im Hof drehte jemand ein Auto.

„Ich fahr nachher noch kurz einkaufen“, sagte Basti.

„Okay“, sagte Ole.

Der Stuhl gab kein Geräusch von sich. Er hielt.

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