Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 18. August 2026

Wintertraube

Ein Bienenvolk antwortet auf jede Bewegung in genau der Geschwindigkeit, in der sie gemacht wurde.

Wer hastig in die Gasse greift, bekommt Hast zurück. Wer die Wabe zieht, als hätte er den ganzen Nachmittag Zeit, bekommt einen ganzen Nachmittag. Milan hatte neun Jahre gebraucht, um das nicht mehr für eine Redensart zu halten.

Am Anfang hatte er mit Handschuhen gearbeitet und war oft gestochen worden. Seit er ohne arbeitete, fast nie. Das klang nach Esoterik und war Mechanik: Mit Handschuhen spürt man nicht, wo man hinfasst. Man quetscht welche, ohne es zu merken, und eine gequetschte Biene ruft die anderen. Der Schutz erzeugt genau das, wogegen er schützen soll.

Was er an der Sache am meisten mochte, hatte er nie jemandem erklären können: dass man ein Volk nichts fragen kann. Man kann nur etwas tun und dann nachsehen, was daraus geworden ist.

· · ·

Er fuhr mit der Ringbahn nach Neukölln, an einem Donnerstag im Oktober, und hatte die Adresse zweimal falsch abgeschrieben.

Anton kannte er seit dem Sommer. Sie hatten sich in der Sauna kennengelernt, ein einziges Mal, und danach nur geschrieben. Nicht viel; Anton schrieb wenig. Aber er schrieb immer genau das, was Milan gerade gedacht und nicht formuliert hatte, und in diesen Nachrichten war mehr passiert als in manchen Beziehungen.

Rasmus, Antons Mann, kannte er nicht.

Im Treppenhaus roch es nach nassem Stein. Vierter Stock, kein Aufzug, und auf dem letzten Absatz blieb Milan stehen und atmete und stellte fest, dass er sich seit zwanzig Jahren auf so einen Abend zubewegte, ohne je einen erlebt zu haben.

Mit siebzehn hatte er die Filme gesehen, die alle sahen. Er hatte darin nach sich gesucht und niemanden gefunden, der aussah wie er. Die, mit denen etwas gemacht wurde, waren schmal und glatt und jung. Er war schon damals breit gewesen, behaart, mit den Schultern seines Vaters, und die Rechnung, die daraus folgte, hatte er nie überprüft, weil sie so selbstverständlich schien: Für das, was er wollte, war er der falsche Körper.

Er war dann lange der, der zusieht. In der Sauna, in den Apps, im eigenen Kopf. Einmal hatte ihm jemand geschrieben: mach mal die Haare weg, dann vielleicht. Er hatte den Chat nicht gelöscht, sondern jahrelang behalten, so wie man Rechnungen behält.

· · ·

Anton machte auf. Milan hatte ihn noch nie in Kleidung gesehen, und es war fremder, als er erwartet hatte.

Anton sagte nicht viel. Er sah Milan an, kurz, von oben nach unten, und es war kein Blick, der bewertete. Es war der Blick, mit dem Milan eine Wabe ansah, wenn er sie aus der Zarge hob: nicht ob sie ihm gefällt, sondern was auf ihr los ist.

Im Flur stand eine graue Katze und sah Milan an, als prüfe sie Papiere.

„Die geht nicht weg“, sagte Rasmus, der aus der Küche kam, ein Geschirrtuch über der Schulter. „Die will immer wissen, wer kommt.“

„Verstehe ich.“

Die Wohnung war eine ganz normale Wohnung. Wäscheständer im Schlafzimmer, ein Stapel Post auf der Kommode, in der Küche ein Topf, der noch nicht abgespült war. Milan hatte, ohne es zu merken, mit einer Kulisse gerechnet, und das hier war keine, und das machte es besser.

Sie tranken Wasser. Sie redeten über die Katze, über Antons Arbeit, über die Ringbahn und warum sie im Süden immer langsamer fährt. Es war fast enttäuschend normal, und dann sagte Rasmus, ein bisschen zu beiläufig:

„Sag mal — was sind eigentlich deine Grenzen?“

Es war die Frage, die alle stellten, und es war eine gute Frage, und Milan hatte sie zwanzigmal beantwortet: mit einer Liste. Er hatte diese Liste im Kopf wie eine Bestellung beim Imkereibedarf.

Er hörte sich sagen: „Das finden wir heute Abend gemeinsam raus.“

Es wurde kurz sehr still.

Anton stellte sein Glas ab. Rasmus sah ihn an, einen Moment zu lang, und sagte dann: „Gut. Dann machen wir das so.“

Und Milan spürte, wie ihm heiß wurde, nicht aus Verlegenheit, sondern weil er gerade zum ersten Mal in seinem Leben etwas gesagt hatte, das nach ihm klang.

· · ·

Später — es war nicht viel später, sie hatten das Wasser nicht ausgetrunken — kniete er auf dem Boden im Schlafzimmer, und Anton legte ihm etwas um die Handgelenke, und die Katze war rausgeschickt worden und kratzte einmal an der Tür und gab dann auf.

Was Milan zuerst auffiel, war, wie ruhig Anton dabei war. Er machte nichts Besonderes. Er prüfte den Sitz mit zwei Fingern, ließ ihn eine Handbreit nach, prüfte noch einmal. Es dauerte länger, als es hätte dauern müssen, und in diesem Dauern lag alles.

Dann war da nichts mehr zu entscheiden.

Er hatte gedacht, das sei der Punkt, an dem etwas in ihm dagegen aufstehen würde. Ein Reflex, ein Ziehen an den Armen, irgendetwas. Es kam nichts.

Es kam stattdessen eine Erinnerung, so unpassend, dass er beinahe gelacht hätte: die Tagesklinik, dritte Woche, Gruppenraum mit Linoleum. Eine Übung zu zweit. Einer sitzt, legt die Arme locker in den Schoß und lässt sie liegen. Der andere hebt einen Arm an und bewegt ihn.

Fast alle hatten mitgehoben. Man sah es sofort, dieses winzige Vorwegnehmen, dieses Sich-nicht-zumuten-Wollen — als wäre das eigene Gewicht eine Unhöflichkeit. Die Therapeutin hatte gesagt: Sie helfen ihm. Und alle hatten genickt und es wieder getan.

Milan hatte nicht mitgehoben. Er hatte nichts dafür getan, es war einfach passiert; sein Arm hatte gelegen wie ein Gegenstand, und der Mann neben ihm hatte ihn gehoben und gedreht und wieder abgelegt, und Milan hatte dabei ins Fenster gesehen und zum ersten Mal seit Wochen an gar nichts gedacht.

Daran musste er denken, auf dem Boden in Neukölln, mit den Händen hinter dem Rücken. Dass er das konnte. Dass er es immer gekonnt hatte und nie gewusst, wofür.

· · ·

Es ging über Stunden und es ist nicht der Teil, den man aufschreiben kann.

Was sich aufschreiben lässt, sind zwei Momente.

Der eine, ziemlich am Anfang: Es passte noch nicht. Kein Fehler, nichts Grobes — nur zwei Leute, die einander noch nicht kannten und deshalb im falschen Takt waren, so wie zwei Musiker, die zum ersten Mal dasselbe Stück spielen und die ersten Takte lang aneinander vorbeizählen.

Und der andere: Es hörte auf. Rasmus hielt inne, ohne dass jemand etwas gesagt hätte, und Anton legte ihm kurz die Hand in den Nacken, und danach war es anders. Danach stimmte es.

Es war eine winzige Bewegung, drei Sekunden, und Milan dachte, mit dem letzten Rest Kopf, der ihm noch blieb: Die sehen hin.

Das war es. Nicht die Härte, nicht die Hilflosigkeit, nicht das Nicht-mehr-Entscheiden-Müssen, obwohl das alles dazugehörte. Sondern dass da jemand war, der die ganze Zeit nachsah, was daraus geworden war.

Er war einunddreißig Jahre lang der gewesen, der zuschaut. Jetzt schaute jemand ihn an.

· · ·

Danach lagen sie einfach da.

Milan lag in der Mitte, was er nicht gewählt hatte. Ihm war leicht schwindelig auf eine angenehme Weise, und seine Hände fühlten sich an, als gehörten sie jemandem, der gut mit ihnen umgegangen war.

„Wie geht's dir?“, sagte Anton irgendwann.

„Weiß ich noch nicht.“

„Okay.“

Anton blieb liegen, wo er lag, und legte den Arm über Milans Brustkorb, und das war die ganze Antwort.

Rasmus stand auf und sagte, er hole Wasser. Man hörte ihn in der Küche, Wasserhahn, Schranktür, dann länger nichts. Milan war fast eingeschlafen, als er zurückkam.

Er brachte Wasser. Er brachte auch Tee und einen Teller mit Brot und Butter und den Resten von etwas Eingelegtem, das in einem Glas im Kühlschrank gestanden haben musste.

„War mehr da, als ich dachte“, sagte er.

Milan setzte sich auf und aß. Niemand sah ihm dabei zu. Niemand sagte etwas darüber, dass er aß.

Er wartete darauf, dass jemand sagte, wofür das jetzt war.

„Du hast vorhin was gesagt“, sagte Rasmus später, schon wieder liegend, mit dem Becher auf der Brust. „Am Anfang. Dass wir das rausfinden.“

„Ja.“

„Das macht sonst keiner. Die kommen alle mit ihrer Liste.“

Milan sah an die Decke.

„Ich hatte auch eine“, sagte er.

„Und?“

„Sie war nicht von mir.“

Rasmus nickte langsam, so wie jemand nickt, der etwas mitnimmt und nicht kommentiert. Dann drehte er sich weg und schlief innerhalb von zwei Minuten ein, wie jemand, der einen sehr guten Tag hatte.

„Das war schön“, sagte Anton in Milans Nacken. Drei Wörter, und von ihm waren das viele.

Irgendwann war klar, dass keine Bahn mehr fuhr und dass keiner von ihnen das behaupten wollte.

Die Katze kam und legte sich in die Kniekehlen und blieb da.

Milan lag wach und wartete darauf, dass etwas kam. Er kannte das: das Aufräumen im Kopf, das Bewerten, die Frage, ob er zu viel gewesen war. Es kam nicht.

Was kam, war der Winter.

Im Winter fliegt keine Biene. Das Volk zieht sich zu einer Kugel zusammen, dicht an dicht, und hält sich warm, indem es die Flugmuskeln zittern lässt, ohne die Flügel zu bewegen. In der Mitte sind es fünfundzwanzig Grad, egal was draußen ist. Wer außen sitzt, hat es kalt.

Aber sie bleiben nicht außen. Die Traube dreht sich, langsam, über Wochen, und wer eine Weile am Rand war, wird nach innen weitergereicht.

Er drehte den Kopf ein Stück. Anton schlief nicht.

„Alles gut?“, sagte Anton, sehr leise, kaum mehr als Atem.

„Ja“, sagte Milan.

Es stimmte sogar.

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