Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 17. August 2026

Wartung

Die meisten Maschinen, zu denen Elias gerufen wurde, waren nicht kaputt.

Sie waren verkalkt. Sie hatten eine Brühgruppe, die seit zwei Jahren niemand herausgenommen hatte. Sie standen in Büros, in denen dreißig Leute täglich einen Knopf drückten und niemand sich zuständig fühlte, und irgendwann wurde der Kaffee dünn und bitter zugleich, was eigentlich nicht geht, und dann rief jemand an und sagte, das Gerät sei defekt.

Er sagte dann nie: Das Gerät ist gar nicht defekt. Er machte es sauber, und alle fanden ihn gut. Den zweiten Satz verschwieg er auch — dass sie in einem halben Jahr wieder anrufen würden.

· · ·

Im Schlafzimmer war es dunkel wie um Mitternacht, dabei war es kurz nach acht, mitten im August.

Nikos hatte vor die Fenster Decken gehängt, nicht provisorisch, sondern mit Haken. Dritter Stock, Berliner Altbau, der Hof geflutet von Sommerlicht, und drinnen eine Höhle.

Elias stand auf, ohne Nikos zu wecken, und ging so leise in die Küche, wie es auf diesen Dielen möglich war.

Die Maschine stand links neben dem Herd. Er hatte am ersten Morgen einen Schluck genommen und in derselben Sekunde gewusst, was mit ihr los war: zu langer Durchlauf, zu heiß, ein Belag im Brühweg, der den Geschmack ins Metallische zieht. Man schmeckt es sofort, wenn man weiß, wonach man schmeckt.

Er hatte den Kaffee getrunken und dann noch einen.

Heute war der vierte Morgen, und er tat es wieder.

Im Wohnzimmer rief eine der Katzen. Die braune mit dem zotteligen Fell rief eigentlich immer — wenn niemand da war und auch wenn jemand kam —, und wenn man sich hinhockte und die Hand ausstreckte, schnurrte sie schon, bevor man sie berührt hatte.

Elias hockte sich hin. Die Katze rieb den Kopf erst an der einen Hand, dann an der anderen, schließlich an seinen Oberschenkeln und konnte nicht genug bekommen. Hätte er sich nicht irgendwann einfach erhoben und das Rufen hinter sich gelassen, wäre er wohl heute noch da unten gewesen.

Er ging zurück ins Schlafzimmer. Nikos lag ausgestreckt auf dem Rücken und schlief, und Elias setzte sich neben ihn und kümmerte sich um ihn, ein bisschen so wie um eine Katze, die gekrault werden möchte.

· · ·

In der Nacht davor hatten sie über Liebe geredet.

Nikos war überzeugt, Liebe entstehe zwischen zwei Menschen und bleibe dort. Wenn man liebt, tut man es mit allem, was man hat, und widmet sich ganz dem anderen; es kann nichts übrig bleiben für andere, sonst liebt man nicht ganz. Vertrauen und Fürsorge, hatte er gesagt, funktionieren nicht mit mehreren gleichzeitig.

Elias hatte etwas anderes gesagt. Liebe sei kein Zustand, sondern etwas, das man kann oder nicht kann, wie schwimmen. Und wer schwimmen kann, ertrinkt nicht davon, dass er es in unterschiedlichen Seen tut.

Er hatte einen Buchtitel genannt. Nikos war das zu theoretisch.

Keiner von beiden versuchte, den anderen umzustimmen. Sie hörten einander zu, fragten nach, dachten weiter — und am Ende hatten sie zwei unvereinbare Beschreibungen für dieselbe Sache und ließen beide stehen.

Dann hatten sie sich geliebt. Die ganze Nacht, mehrfach, ohne ein Ende zu finden, weil es keins gab, und irgendwann gaben sie der Müdigkeit nach.

Kurz vorm Einschlafen hatte Nikos ihn angesehen, sehr lange, ohne etwas zu sagen, und Elias hatte den Blick gehalten, und irgendwann war nicht mehr zu unterscheiden, wer wen ansah.

· · ·

Nikos kam gegen neun in die Küche, nackt, mit dem Gesicht eines Menschen, der viel geschlafen hat und trotzdem müde ist. Er hatte in diesen Tagen enorm geschlafen. Einmal vierzehn Stunden am Stück.

„Hast du dich gelangweilt?“

Er fragte das nicht zum ersten Mal. Er fragte es nicht als Floskel.

„Nein.“

„Du wolltest doch ganz was anderes, als du zu mir gekommen bist. Wir haben doch gar nichts davon gemacht.“

„Und das war auch gut so. Es wäre nicht dasselbe gewesen.“

Sie tranken. Draußen fuhr die Müllabfuhr. Nikos schwieg, und Elias merkte, dass ihn etwas beschäftigte, und fragte nicht nach.

„Ich war lange allein“, sagte Nikos irgendwann. „Nach der Trennung. Und dann noch der Job. Alleinsein ist für mich das Schlimmste, was es gibt.“

Elias überlegte einen Moment, ob er darauf etwas sagen sollte, und tat es dann doch.

„Ich bin gern allein.“

Nikos sah auf.

„Nicht immer. Aber seit ein paar Jahren.“ Elias drehte die Tasse in der Hand. „Ich habe mich in der Zeit ganz gut kennengelernt. Und seitdem ist das Alleinsein nicht mehr dasselbe. Ich bin nicht mehr allein, ich bin mit mir.“

Nikos hörte zu, und zwar sehr genau — so genau, wie man jemandem zuhört, der von einem Land erzählt, in dem man noch nie war und von dem man nicht sicher ist, ob es existiert.

Später, beim Anziehen, sagte er aus dem anderen Zimmer: „Ich glaube, das kann ich nicht.“

„Musst du auch nicht.“

· · ·

Sie fuhren um halb elf los, viel zu früh. Nikos hatte darauf bestanden, weil er nicht wollte, dass Elias in Zeitdruck komme. Elias hatte ihm nie erklärt, was Zeitdruck mit ihm macht. Er hatte es einfach gesehen.

Unterwegs hielten sie am Kurfürstendamm. Nikos legte beide Hände aufs Lenkrad.

„Ich kann da nicht rein.“

Es war eine Boutique mit einer Fensterfront und drei Mänteln darin, mehr nicht. Drinnen Eichendielen, gedämpftes Licht, eine Frau in Grau, die ihn ansah wie einen Kunden.

„Ich bringe Nikos' Schlüssel zurück.“

„Oh“, sagte sie, und wechselte das Skript. Er schrieb drei Zeilen auf einen Block — Datum, Gegenstand, übergeben, entgegengenommen —, sie unterschrieb, ohne zu zögern, erkundigte sich nach Nikos und fragte, ob er einen Kaffee wolle.

Die Maschine stand hinten, ein Siebträger, poliert. Sie machte es sichtbar oft und sichtbar gern.

Der Kaffee war exzellent. Er stand da mit der Tasse in der Hand, in einem Laden, der einen Mann entlassen hatte, der draußen im Auto saß und nicht hereinkommen konnte, und trank den besten Kaffee seit Wochen.

Nach fünf Minuten war er wieder draußen.

Nikos nahm den Zettel und sah ihn an, länger als drei Zeilen brauchen. Dann legte er ihn weg und startete den Motor.

· · ·

Auf der Fahrt nach Spandau hatte Nikos die rechte Hand auf Elias' liegen und fuhr mit dem Daumen über den Handrücken, hin und her. Elias tat dasselbe zurück. Es war die ganze Unterhaltung.

Er hatte lange gebraucht, Stille aushalten zu können, ohne sie zu füllen. Früher hatte sie sich angefühlt wie eine Frage, die er beantworten musste.

Sie parkten fünfzig Minuten vor Abfahrt, holten Kaffee und Brötchen bei einem der Bäcker in der Bahnhofshalle und setzten sich in den Park. Der Kaffee war, wie er dort immer ist: verlässlich, unauffällig, nirgends schlecht und nirgends besonders.

Sie redeten über die Bahn, über Junkies im Park, über nichts.

Es war das Beste an diesem Tag.

· · ·

Am Bahnsteig küssten sie sich. Nikos vergrub sein Gesicht in Elias' Nacken und sagte, wie schwer ihm der Abschied falle.

Nicht vorwurfsvoll. Er sagte es, wie man eine Uhrzeit nennt.

Elias hielt ihn und ließ es stehen. Er sagte nicht, dass sie sich bald wiedersähen, obwohl es stimmte. Er sagte gar nichts, und Nikos wurde in seinen Armen langsam ruhiger.

Und währenddessen bemerkte Elias etwas, das er sich früher nicht hätte eingestehen können, ohne sich schlecht zu finden.

Ihm fiel es nicht schwer.

Nicht, weil es für ihn weniger schön gewesen wäre — es war so schön gewesen, dass er einen Moment gebraucht hatte, es zu glauben. Sondern weil er wusste, wohin er fuhr. Da war jemand, bei dem er ankommen würde.

Nikos fuhr zurück in eine Wohnung mit Decken vor den Fenstern und vier Katzen, von denen eine ruft.

Es war nicht dasselbe Gefühl, und beide fühlten es ehrlich.

· · ·

Der Zug fuhr mit einer verlässlichen Verspätung um 14:07.

Irgendwo hinter Stendal fing Elias im schaukelnden Wagen an zu dösen und ließ den Tag an sich vorbeiziehen.

Der Kaffee in der Boutique war exzellent gewesen; dort kümmerte sich jemand täglich darum. Der aus der Bahnhofshalle war verlässlich gewesen, so wie er es überall ist, seit zwanzig Jahren.

Der bei Nikos war ihm am liebsten.

Und er freute sich schon auf seinen eigenen.

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