Sturz
Ein Fenster ist ein Loch, das jemand absichtlich gemacht hat.
Das klingt banal, ist aber statisch eine Zumutung. Eine Wand trägt, und wo man sie unterbricht, trägt sie nicht mehr. Also muss die Last, die vorher gleichmäßig nach unten ging, um die Öffnung herumgeführt werden. Dafür gibt es den Sturz — den Balken über dem Loch, der aufnimmt, was die fehlende Wand nicht mehr aufnehmen kann.
Jedes Fenster ist also ein Kompromiss. Man schwächt etwas, das hält, damit Licht hereinkommt, und baut dann eine Konstruktion, die den Schaden auffängt.
Tjark hat das im ersten Semester gelernt und seitdem nie vergessen, auch nachdem er das Studium abgebrochen hatte.
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Die Wohnung hat er seit dem Frühjahr.
Zwei Zimmer, dritter Stock, Balkon nach Westen, viel zu teuer für jemanden, der sie nicht ständig braucht. Er hat sie genommen, als klar war, dass er einen Ort braucht, an dem niemand ist.
Das konnte er so aber nicht sagen. Nicht sich, und schon gar nicht anderen.
Also hat er eine Rechnung dazugebaut. Er wollte sie vermieten, wenn er nicht da ist, tageweise, an Leute, die in der Stadt etwas vorhaben. Das trägt sich dann, hat er gesagt. Das rechnet sich sogar.
Er hat es ordentlich gemacht. Er hat einen Ordner angelegt, eine Tabelle geführt, Handtücher in zwei Sätzen gekauft, Reinigungsmittel unter der Spüle sortiert. Er hat in der ersten Woche dreieinhalb Stunden für einen Wechsel gebraucht und in der dritten zweifünfzig.
Und er hat, weil es sich gehört, den Vermieter gefragt.
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Der Brief kam an einem Donnerstag, zusammen mit einem zweiten Brief.
Der erste war die Antwort auf seine Anfrage. Sie lautete nein, in vier Sätzen, freundlich formuliert.
Der zweite war eine Abmahnung, weil er nicht auf die Antwort gewartet hatte.
Tjark stand im Treppenhaus und las beide zweimal, und dann ging er nach oben und setzte sich an den Küchentisch, ohne die Jacke auszuziehen.
Was er fühlte, war nicht Ärger. Es war die alte Sache. Ertappt, sofort und vollständig, in einem Alter, in dem man das eigentlich nicht mehr kennen sollte.
Er hat eine Mail geschrieben und sich entschuldigt, und die Mail war zu lang. Er hat es beim Abschicken schon gewusst.
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Und dann, ungefähr eine Stunde später, kam etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Er hatte angefangen, die Buchungen zu stornieren, eine nach der anderen, mit einem Text, den er einmal formuliert und dann kopiert hat. Vier Mails, vier Absagen, und in der dritten merkte er, dass ihm leichter wurde.
Er hat dagesessen und es überprüft, weil er es sich nicht erklären konnte. Er verlor Geld. Er hatte einen Fehler gemacht. Er stand als der da, der etwas gemacht hatte, was man vorher fragt.
Und trotzdem.
Es hat eine Weile gedauert, bis er es hatte, und dann war es einfach: Das Geld war nie der Grund gewesen. Er verdient genug. Er hätte diese Wohnung auch ohne jeden Gast tragen können, vom ersten Tag an.
Die Vermietung war ein Beleg. Sie war der Satz, den er sagen konnte, wenn jemand fragte, wozu er eine zweite Wohnung braucht. Sie hat der Sache eine Berechtigung gegeben, die sie aus sich heraus angeblich nicht hatte.
Jetzt war der Beleg weg, und die Wohnung war noch da.
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Am Nachmittag hat er sie geputzt, gründlich, obwohl es niemanden mehr gab, für den es sauber sein musste.
Es war schwer dabei. Nicht schlimm, aber schwer, so wie es an solchen Tagen ist. Er hat es bemerkt und nichts dagegen gemacht. Er hat sich hinterher einen Tee gekocht und ein Buch geholt, das falsche, und dann ein anderes, und darin ein bisschen gelesen.
Abends stand jemand aus dem Haus im Hof, und sie haben sich unterhalten, länger als vorgesehen, und dann saßen sie auf dem Balkon. Der andere trank Wein, Tjark Tee. Sie haben über nichts Wichtiges geredet, und Tjark hat gelacht und dabei gemerkt, wie lange er nicht gelacht hatte.
Um eins ging er ins Bett. In sein eigenes.
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Das Fenster hat er im August gekauft, für zwanzig Euro, von einem Mann in Porz, der einen Hof voll solcher Sachen hatte.
Holzrahmen, zweiflügelig, mit Buntglas in Rot und Bernstein. Der Kitt war rissig, der Rahmen außen einmal lasiert, innen nie. Eine Zarge hatte sich gelöst.
Er hat den alten Leim ausgekratzt und neu verleimt, vier Zwingen, nicht zu fest. Er hat die Kittfase ausgebessert, weil sonst Wasser hinterläuft. Er hat innen und außen lasiert, zweimal, mit Zwischenschliff. Er hat Flacheisen aus Edelstahl in die Falz
geschraubt, oben und unten, mit einem Streifen Dichtband darunter, damit es nicht steht.
Vier Punkte zum Aufhängen, Ketten nach oben an eine Querstange, unten am Handlauf befestigt, damit es bei Wind nicht schlägt.
Das Ganze hat elf Stunden gedauert, verteilt über zwei Wochen.
Und es hat keine Funktion.
Es sitzt in keiner Wand. Es hält nichts draußen und nichts drinnen. Es braucht keinen Sturz, weil es keine Last gibt, die umgeleitet werden müsste. Es ist ein Loch ohne Wand drumherum.
Es hängt da, damit Licht hindurchgeht.
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Er hat es an einem Freitagnachmittag aufgehängt, allein, mit einer Leiter, die er sich geliehen hat.
Als es hing, ist er zwei Schritte zurückgetreten.
Es war bedeckt. Kein Licht, keine Farbe auf dem Boden, nur ein Rahmen mit dunklen Scheiben, der ein bisschen pendelte, bis er die untere Kette nachgezogen hat.
Tjark hat eine Weile dagestanden und es angesehen.
Die Sonne kommt hier erst nachmittags, und im Sommer kaum, weil die Bäume im Hof zu dicht sind. Im Oktober wird das anders. Dann
stehen die Bäume kahl und die Sonne steht flach, und dann läuft das Rot quer über die Dielen bis in den Flur.
So lange hängt es eben dunkel da.
Er hat die Leiter reingeholt und Wasser aufgesetzt.