Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 22. September 2026

Spielpassung

Kein Maß ist genau. Jedes Teil, das gefertigt wird, weicht ab, und die Frage ist nur, wie weit. Deshalb hat jedes Maß zwei Angaben: das Nennmaß, also das, was es sein soll, und die Toleranz, also den Bereich, in dem es davon abweichen darf und trotzdem passt.

Ein Maß ist außerdem nur so gut wie das Werkzeug, mit dem man es nimmt. Ein Zollstock hat zehn Gelenke, und jedes Gelenk bekommt mit den Jahren ein wenig Spiel. Ein halber Millimeter hier, ein halber dort, und am Ende der zwei Meter fehlt fast ein Zentimeter, ohne dass man es der einzelnen Stelle ansieht. Wer mit zwei verschiedenen Zollstöcken arbeitet, arbeitet mit zweierlei Maß.

Wo etwas trotzdem nicht passt, legt man Keile unter.

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Ole maß bei der Arbeit auf den Zehntelmillimeter. Er hatte eine Schieblehre, die er nach jedem Gebrauch abwischte, und einen Stahlmaßstab, den er niemandem lieh. Kunden, die ihm beim Anreißen zusahen, sagten manchmal, das sehe doch niemand. Ole sagte dann, er sehe es.

Zu Hause war alles ungefähr.

Unter dem Küchentisch lag ein Keil, weil der Boden zum Fenster hin abfiel. Unter dem Schuhschrank im Flur lagen zwei. Das Bett stand auf einer Seite auf einem Brettchen, das Ole vor Jahren aus einem Rest Buche geschnitten hatte, und die Tür zum Bad schloss nur, wenn man sie zum Schluss ein wenig anhob. Er hätte das alles in einem Nachmittag richten können. Er tat es nicht, weil es funktionierte.

Das Haus gehörte ihnen beiden, aber die Regeln kamen von Benedikt, und eine davon war, dass im Haus nicht gearbeitet wird. Kein Staub, kein Leim, kein Lärm. Benedikt hatte das kurz nach dem Einzug gesagt, freundlich, und Ole hatte genickt, weil er verstand, was gemeint war: dass man nach Hause kommt und nicht in eine Werkstatt.

Dabei gab es im Haus eine. Den Raum neben der Garage hatte Ole beim Einzug mit dem eingerichtet, was da war: der alten Werkbank, an der er das Handwerk gelernt hatte, einer Leiste für die Handwerkzeuge an der Wand, einer Absaugung, die er gebraucht gekauft und neu verkabelt hatte. Eine Steckdosenleiste fehlte noch, die Beleuchtung war provisorisch. Nach Benedikts Satz baute er nicht weiter und benutzte den Raum nicht mehr. Mit der Zeit stellten sie dort ab, was sonst nirgends hinpasste: die Winterreifen, die Kisten mit den Weihnachtssachen, einen Wäscheständer. Die Werkzeuge hingen noch an der Wand.

Also hatte er eine zweite gemietet. Einen Raum im Hinterhof einer ehemaligen Druckerei, mit Starkstrom und einem Fenster nach Norden, das ein gleichmäßiges Licht gab. Die Miete ging von seinem Konto ab. Benedikt hatte gesagt, das sei seine Sache, und damit hatte er recht gehabt.

Er richtete sie über zwei Jahre ein, ohne jemanden zu fragen. Die Wände weiß, den Boden geölt, die Maschinen so gestellt, dass er ein langes Brett durchschieben konnte, ohne etwas zu verrücken. Einen Werkzeugschrank baute er selbst, mit Fächern in der Reihenfolge, in der er die Sachen brauchte. Dazu eine Emaillelampe vom Trödel, einen Hocker, eine Kanne für den Kaffee und ein Radio, das immer lief. Für nichts davon hatte er eine Begründung gebraucht, und wenn etwas nicht funktionierte, war es seine Sache, es zu ändern.

Das Haus war anders eingerichtet. Als sie einzogen, hatten sie genommen, was da war: die Regale aus dem Wohnheim, den Esstisch von Benedikts Großtante, ein Sofa von Nachbarn, die nach Hamburg gingen. Alles war als Übergang gedacht gewesen, bis man etwas Richtiges findet. Dreizehn Jahre später stand es noch da. Ole hätte sich darum kümmern müssen, er kümmerte sich um alles, was sich im Haus veränderte, und für ein ganzes Haus allein hatte er die Kraft irgendwann nicht mehr. Also ließ er es. Es funktionierte ja.

Wenn er abends aus der Werkstatt kam und die Haustür aufschloss, dauerte es jedes Mal einen Moment, bis er sich wieder an die Möbel gewöhnt hatte.

Benedikt hatte mehrmals angeboten, sich die Werkstatt anzusehen. Im Frühjahr, dann vor dem Sommer, dann noch einmal im August. „Ich komm nächste Woche mal vorbei.“ Ole hatte jedes Mal aufgeräumt.

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Die Kommode für Frau Kessler war aus Kirschbaum, sechs Schubladen, Füße aus dem Vollen gedreht. Sie hatte sie bestellt, weil ihre alte beim Umzug zerbrochen war, und sie hatte ihm ein Foto davon gezeigt, schwarzweiß, mit einer Vase darauf und einem Mann daneben, der inzwischen tot war.

Beim letzten Durchgang in der Werkstatt merkte Ole, dass die dritte Schublade von oben ganz leicht streifte. Nicht viel. Man musste sie ein wenig anheben, dann lief sie. Er hätte sie noch einmal ausbauen und die Laufleiste nachhobeln können, eine Stunde Arbeit, vielleicht zwei. Der Liefertermin war am nächsten Morgen, und Frau Kessler hatte schon zweimal angerufen, weil sie sich so freute.

Er lieferte.

Sie strich mit der Hand über das Holz und sagte, genau so eine habe sie gehabt, und dann zog sie jede Schublade einmal auf, eine nach der anderen, und bei der dritten hob sie die Hand ein wenig an, ohne es zu merken, und die Schublade lief.

In der Nacht lag Ole wach. Es war ein halber Millimeter. Sie würde es nie bemerken, und wenn doch, würde sie es für das Alter des Holzes halten.

Am nächsten Morgen stand er um neun wieder vor ihrer Tür, mit dem Hobel in der Tasche.

„Die dritte Schublade streift“, sagte er. „Das wusste ich schon beim Liefern. Das war nicht in Ordnung. Ich möchte es richten.“

Frau Kessler sah ihn eine Weile an. Dann sagte sie, das hätte sie nie gemerkt.

„Ich schon“, sagte Ole.

Er baute die Schublade aus, hobelte die Laufleiste nach, drei Züge, vier, prüfte, ein fünfter. Als er sie wieder einsetzte, glitt sie hinein, ohne dass man etwas anheben musste. Frau Kessler kochte ihm einen Kaffee, den er im Stehen trank, und er fuhr mit einem Gefühl nach Hause, das er nicht genau benennen konnte. Es war keine Erleichterung. Es war eher, als stünde etwas wieder gerade.

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Am Abend brauchte er seinen alten Schlichthobel, der noch im Raum neben der Garage hängen musste. Benedikt war beim Sport.

Die Kisten mit den Weihnachtssachen standen gestapelt im Flur davor.

Die Werkbank war freigeräumt, die Platte abgewischt. Darauf eine Schraubzwinge, Balsaholz in dünnen Leisten, ein halbfertiges Flugzeug: der Rumpf aus Spanten, daneben eine Tragfläche, an deren Rippen noch die Stecknadeln saßen. Auf dem Boden lagen Späne, fein wie Schnee. Ein kleines Radio. Zwei Tassen, in einer ein Rest Tee.

Ole blieb in der Tür stehen.

Er wusste, dass Benedikt früher Modelle gebaut hatte, als Junge, mit seinem Vater. Er hatte manchmal davon erzählt. Dass er wieder damit angefangen hatte, hatte er nicht erzählt. Wer mit ihm hier saß, wusste Ole nicht, und er merkte, dass es ihm nicht wichtig war.

Er ging hinein und fasste nichts an.

Dann nahm er, ohne darüber nachzudenken, den Zollstock aus der Hosentasche und maß die Werkbank. Länge, Tiefe, Höhe. Es gab nichts zu messen. Er wusste die Maße auswendig, er hatte an dieser Bank gelernt.

Neben der Tragfläche lag ein zweiter Zollstock, ein gelber aus dem Baumarkt, der Lack an den Kanten abgerieben. Ole klappte ihn auf und legte ihn neben seinen. Bis zum Meter stimmten sie überein. Danach begann der gelbe zu wandern, erst kaum, dann mehr, und bei zwei Metern war er sieben Millimeter weiter als seiner. Ole fand die Stelle. Das vierte Gelenk hatte Spiel, man konnte es mit dem Daumen hin und her bewegen.

Er klappte beide Zollstöcke wieder zusammen und legte den gelben genau dorthin zurück, wo er gelegen hatte.

Der Schlichthobel hing an der Wand, wo er ihn vor Jahren hingehängt hatte.

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Benedikt kam gegen neun, das Haar noch nass vom Duschen. Ole saß am Küchentisch, der auf seinem Keil nicht wackelte.

„Schön, dass der Raum benutzt wird“, sagte Ole.

Benedikt stellte seine Tasche ab. „Ach so, ja. Das ist nur Modellbau, mit Jens aus dem Verein. Das macht ja kaum Dreck.“

„Ich habe eine Werkstatt in der Stadt gemietet, weil im Haus nicht gearbeitet werden sollte.“

„Das ist doch was anderes. Du machst da richtig Holz.“

Ole sah ihn an. Er hätte jetzt erklären können, dass Balsaholz auch Holz ist, dass Späne Späne sind, dass die Werkbank seine war. Er hätte fragen können, warum Benedikt es nicht erzählt hatte, und seit wann, und ob die Werkstatt in der Stadt ihm jemals etwas bedeutet hatte oder nur das Problem gelöst. Er hätte die Miete der letzten vier Jahre zusammenrechnen können, er kannte die Zahl.

Er sagte nichts davon.

„Ich freue mich, dass du wieder baust“, sagte er. „Wirklich. Dann gilt die Regel für mich aber auch nicht mehr.“

Benedikt öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann nickte er, langsam, und sah an Ole vorbei zum Fenster, wo es nichts zu sehen gab außer der Straßenlaterne.

Ole stand auf, stellte seine Tasse in die Spüle und ging nach oben. Er hob die Badezimmertür an, bevor er sie schloss, wie immer.

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Am nächsten Morgen fuhr er in die Stadt. In der Druckerei stand seit Wochen ein halbfertiges Regal für ihn selbst, das er immer wieder hinter die Aufträge geschoben hatte. Unten fehlte noch die Schublade.

Eine Schublade, die auf das Maß genau sitzt, ist eine Presspassung. Sie sieht perfekt aus, bis das Holz im Herbst Feuchtigkeit zieht. Dann quillt es, die Schublade klemmt, und irgendwann reißt etwas. Mit zwei Millimetern Spiel bleibt eine schmale Fuge, und sie läuft das ganze Jahr.

Ole maß den Korpus, zog zwei Millimeter ab und baute sie.

Sie lief leicht. Unter dem Regal lag kein Keil.

Am Sonntag nahm er den Hobel mit nach Hause und richtete die Badezimmertür. Danach schloss sie, ohne dass man sie anheben musste.

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