Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 9. September 2026

Währungsreform

Der Kurs steht seit dem 31. Dezember 1998 fest und ändert sich nie mehr. Eine Mark ist 51 Cent, ungefähr. Genauer: Man teilt durch 1,95583, und diese Zahl hat sich eine ganze Generation gemerkt wie eine Telefonnummer.

Und es gibt keine Frist. Die Bundesbank tauscht D-Mark unbefristet um, kostenlos, jeden Betrag. Man kann mit einem Karton voll Münzen in eine Filiale gehen, fünfundzwanzig Jahre nach der Umstellung, und bekommt Euro dafür.

Das steht so auf der Internetseite, in dem trockenen Ton, in dem Behörden schreiben. Jost hat es zweimal gelesen, um sicherzugehen.

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Er ist seit einundzwanzig Monaten nicht mehr im Dienst.

Am Anfang war das eine Erleichterung. Dann wurde es ein Zustand. Inzwischen ist es das, was er ist, wenn ihn jemand fragt: einer, der gerade nicht arbeitet.

Er hat in dieser Zeit eine Menge gemacht. Er hat den Keller ausgeräumt, die Fenster gestrichen, ein Beet angelegt, das im zweiten Jahr sogar was hergibt. Er hat gelesen wie seit dem Studium nicht mehr.

Was fehlt, ist schwer zu benennen, ohne dass es undankbar klingt. Es hat mit einer Rückmeldung zu tun. Damit, dass man etwas macht und jemand anders sieht, dass es gemacht ist.

Er hätte das früher nicht gebraucht, glaubt er. Wahrscheinlich stimmt das nicht. Wahrscheinlich hat er es früher nur so verlässlich bekommen, dass er nie merken musste, dass es ein Bedarf war.

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Die Blechdose stand im Schrank hinter den Ordnern. Kaffeedose, Fünfzigerjahre, Blumenmuster, seit dem Umzug nicht geöffnet.

Darin: Münzen. Ein-Mark-Stücke, Fünfziger, Zehner, ein paar Fünf-Mark-Münzen, und ganz unten drei Scheine, zwei Zehner und ein Zwanziger, weich wie Stoff.

Es ist nicht das Geld seines Vaters oder sonst irgendwas Bedeutungsvolles. Es ist einfach das, was am Ende in der Wohnung herumlag, als es aufhörte zu gelten, und was jemand in eine Dose getan hat, weil man es nicht wegwirft.

Jost hat die Dose auf den Küchentisch gestellt und angefangen zu sortieren.

Es hat zwei Stunden gedauert. Er hat nach Nennwert getrennt, in Rollen gestapelt, gezählt, notiert. Er hat sich dabei ertappt, dass er die Zahlen in eine Tabelle geschrieben hat, mit Summenspalte, was vollkommen überflüssig war.

Es hat ihm sehr gut gefallen.

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Die Filiale ist in der Innenstadt, ein Bau aus den Siebzigern, Wartenummer am Eingang.

Er hat drei Tage vorher angefangen, sich darauf zu freuen, und sich dafür ein bisschen geschämt.

Vor ihm sind vier Leute dran. Eine ältere Frau mit einem Umschlag. Ein Mann, der etwas Kompliziertes will und lange braucht. Zwei junge Leute, die zusammen lachen.

Jost sitzt mit der Dose auf dem Schoß und hat das Formular schon ausgefüllt, obwohl es keins gibt, das man vorher ausfüllen müsste. Er hat es sich ausgedruckt.

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Der Mann am Schalter ist um die fünfzig und macht das offensichtlich oft.

„Umtausch?“

„Ja.“

„Zeigen Sie mal.“

Jost stellt die Dose hin und legt den Zettel daneben, auf dem steht, was er gezählt hat. Der Mann sieht den Zettel an, sagt nichts dazu, und schüttet die Münzen in eine Maschine.

Es dauert vier Minuten. Die Maschine macht ein Geräusch wie eine Kaffeemühle.

Dann sagt der Mann eine Zahl.

Sie stimmt mit Josts Zettel überein, bis auf zwanzig Pfennig, die er vermutlich falsch gestapelt hatte. Er sagt nichts dazu. Es ist trotzdem der beste Moment seit Wochen: dass jemand nachgezählt hat und auf dasselbe gekommen ist.

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„Zweiundvierzig achtzig“, sagt der Mann und legt einen Zwanziger, einen Zehner, einen Zehner, zwei Euro und achtzig Cent hin.

„Danke.“

„Haben Sie noch was?“

„Nein.“

„Manche kommen alle paar Jahre wieder. Die finden immer noch was.“

Er sagt das freundlich, ohne Interesse an einer Antwort, und ruft dann die nächste Nummer auf.

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Draußen ist es hell.

Jost steht mit zweiundvierzig Euro achtzig in der Hand vor einer Bank und stellt fest, dass er den Vormittag genossen hat wie lange nichts.

Er weiß auch genau, warum, und es ist ihm ein bisschen peinlich. Nicht wegen des Geldes. Es lag daran, dass da eine Sache war mit einem Anfang und einem Ende. Man macht etwas, man bringt es hin, jemand prüft es, und dann sagt jemand eine Zahl.

Zwanzig Jahre lang hat er das jeden Tag gehabt und nicht bemerkt. Man kriegt das im Dienst frei Haus. Klingelt es, ist die Stunde vorbei. Ist die Klasse ruhig, hat es funktioniert. Irgendwer sagt einem irgendwas, jeden Tag, ob man will oder nicht.

Und jetzt zahlt er zweiundvierzig achtzig dafür. Beziehungsweise er bekommt sie.

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Er geht ins Café gegenüber und trinkt einen Kaffee im Stehen und zahlt mit den zwei Euro achtzig.

Dann geht er zum Auto und denkt auf dem Weg schon darüber nach, was als Nächstes.

Der Keller ist fertig. Die Fenster sind gestrichen. Es wird ihm etwas einfallen.

Er kennt inzwischen den Unterschied zwischen einer Beschäftigung und einer Aufgabe. Eine Aufgabe hat jemanden, der am Ende nachzählt.

Die findet man nicht so leicht.

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