Radius
In einer Stadt sieht man die meisten Menschen genau einmal.
Man steht mit ihnen an einer Ampel, sitzt ihnen in der Bahn gegenüber, lässt sie an einer Tür vorbei, und dann sind sie weg, für immer, statistisch gesehen. Millionen Menschen, und man begegnet fast jedem davon nie wieder.
Es gibt nur eine Ausnahme, und die ist der Radius.
Ungefähr achthundert Meter um die eigene Wohnung herum. Der Bäcker, der Späti, die Haltestelle, der Discounter. In diesem Kreis bewegt man sich mehrmals die Woche, meistens zu ähnlichen Zeiten, und genau dasselbe tun ein paar hundert andere Leute auch.
Daraus entstehen Wiederholungen, die niemand verabredet hat.
Nis wohnt seit dem Frühjahr in diesem Radius. Er hätte das alles nicht so erklären können, wenn ihn jemand gefragt hätte. Er hat es einfach gemerkt.
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Das Profil hatte er schon gesehen.
Zwei Wochen vorher, abends, auf dem Boden sitzend zwischen zwei Farbeimern, weil er die Wohnung strich und Pause machte. Er hatte durchgewischt, mehr aus Neugier, wer hier eigentlich so wohnt. Ein paar Gesichter. Eins davon blieb hängen.
Er hat nicht geschrieben. Nicht aus Schüchternheit, sondern weil er nicht die Zeit hatte und weil ihm nichts eingefallen wäre, das nicht nach Anbahnung geklungen hätte.
Er hat es weggewischt und weitergestrichen und es dann vergessen, so wie man solche Sachen vergisst: nicht ganz.
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Zum Einkaufen geht er meistens gegen sechs.
Es war ein Dienstag, glaubt er. Er wollte irgendwas für den Abend, stand vor dem Kühlregal und überlegte, ob er sich Mühe geben will oder nicht, und dann kam jemand von rechts in sein Blickfeld.
Er hat ihn sofort erkannt, und zwar bevor er wusste, woher.
Der andere sah auch hoch. Und dann haben sie sich angelächelt, ungefähr anderthalb Sekunden lang, so wie man das eben macht, wenn nichts weiter dabei ist.
Nis hat einen Joghurt genommen, den er gar nicht wollte, und ist weitergegangen.
An der Kasse hat er gemerkt, dass er immer noch grinste. Das fand er albern und er hat es trotzdem nicht abgestellt.
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Das zweite Mal war eine Woche später, in der Gemüseabteilung, und es lief exakt genauso.
Blick, Erkennen, Lächeln. Keiner sagte etwas.
Nis hat sich hinterher gefragt, warum eigentlich nicht, und ist zu keinem guten Ergebnis gekommen außer: Es war so vollständig, wie es war. Ein Satz hätte etwas daraus gemacht. So war es nur das.
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Was beim dritten Mal passiert ist, hat er erst später erfahren, und das ist der Teil, den er am liebsten mag.
Der andere war wieder da, ungefähr zur selben Zeit, und hat geguckt. Erst am Kühlregal, dann beim Obst, dann noch einmal durch den ganzen Laden, mit einem Einkaufskorb, in dem nichts lag, was er brauchte.
Nis war schon weg.
Und am nächsten Tag hat der andere einer Kollegin davon erzählt. Von dem süßen Typen beim Supermarkt, den er zweimal angelächelt hatte und der zurückgelächelt hatte, und dass er ihn beim dritten Mal nicht mehr gefunden hat.
Das hat Nis Monate später gehört, auf einem Balkon, und es ist ihm dabei warm geworden bis in die Ohren.
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Kennengelernt haben sie sich dann ganz normal, im Hof, an einem Abend, an dem beide gerade nichts vorhatten.
Alwin wohnt zwei Aufgänge weiter, ist zwei Jahre älter und hat vor anderthalb Jahren eine sehr lange Beziehung beendet. Er redet darüber ohne Drama und ohne Beschönigung, was selten ist. Er hat sich offenbar eine Weile ernsthaft mit sich beschäftigt und macht kein Geheimnis daraus.
Sie haben an dem Abend fast drei Stunden geredet, im Stehen, und beide haben irgendwann gemerkt, dass sie müde Beine haben und nicht aufhören wollen.
Und sie haben über den Supermarkt geredet.
Beide fanden dasselbe daran gut: dass es nichts war. Kein Profil, keine Nachricht, keine Frage, was man sucht. Zwei Leute lächeln sich an, gehen weiter, und beide gehen mit etwas nach Hause.
Alwin hat gesagt, man kriege das nicht mehr oft geschenkt. Nis hat genickt und nichts dazu gesagt, weil es stimmte.
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Gestern Abend saßen sie auf dem Balkon.
Alwin hat Wein getrunken, Nis Tee, und keiner von beiden hat das kommentiert.
Sie haben über nichts geredet. Über einen Nachbarn im vierten Stock, der immer freitags bohrt. Über eine Serie, die Alwin gut findet und Nis nicht. Über Bäume im Hof und ob die eigentlich jemandem gehören.
Nis hat viel gelacht, und irgendwann ist ihm aufgefallen, dass er es gerade zum ersten Mal seit Wochen tut, und das war ein bisschen erschreckend und hat das Lachen nicht gestoppt.
Dann haben sie sich geküsst. Es ging nicht weiter und sollte auch nicht.
Um eins ist Nis nach Hause gegangen, zwei Aufgänge, dritter Stock.
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Er hat noch eine Weile wach gelegen.
Nicht aufgeregt, eher zufrieden auf diese müde Art. Er hat an das Kühlregal gedacht und an den Joghurt, den er nicht essen wollte, und an einen Mann, der mit einem leeren Korb durch einen Discounter läuft und jemanden sucht, den er noch nie gesprochen hat.
Es gibt den Radius, hat er gedacht. Das ist alles. Man wohnt irgendwo, man kauft dort ein, und wenn man Glück hat, sieht man jemanden zweimal.
Dann ist er eingeschlafen.
In seinem eigenen Bett, zwei Aufgänge weiter, was genau die richtige Entfernung ist.