Oberwasser
Ein Fluss, auf dem Schiffe fahren sollen, darf kein Gefälle haben, das man sieht. Also baut man Stufen hinein. Vor jeder Stufe staut sich das Wasser zu einer Ebene, hinter ihr liegt die nächste, viereinhalb Meter tiefer, und zwischen beiden steht ein Wehr, über das niemand fahren kann.
Dafür gibt es die Schleuse: eine Kammer mit einem Tor an jedem Ende. Das Boot fährt hinein, das Tor hinter ihm schließt sich, und erst dann, nicht vorher, wird Wasser aus der oberen Ebene in die Kammer gelassen. Das Boot steigt mit. Wenn der Spiegel in der Kammer dem Oberwasser gleicht, öffnet sich das vordere Tor, und das Boot fährt weiter, als wäre nichts gewesen.
Man kann die Kammer nicht offen lassen. Dann liefe das Wasser einfach durch, und nichts würde gehoben. Das Geschlossensein ist nicht die Panne. Es ist das Verfahren.
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Das Boot gehörte Ole. Er hatte es im Frühjahr über Kleinanzeigen gekauft, von einem Mann in Flörsheim, der es seit zwanzig Jahren hatte und nicht mehr ins Wasser kam, fünf Meter, weißer Rumpf, ein Außenborder, der nach dem dritten Zug ansprang. Henrik kannte Ole seit Juni. Es war die Art von Kennen, die noch kein Wort hatte: ein Abend, dann zwei, dann ein Wochenende, an dem keiner von beiden gefragt hatte, was das jetzt sei.
„Wir fahren nach Frankfurt", hatte Ole gesagt. „Flussaufwärts. Da ist eine Schleuse."
„Und?"
„Und nichts. Ich wollte nur, dass du es weißt."
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Vor Griesheim lag der Main breit und still, und am linken Ufer begann die Anlage: ein langer Damm, dahinter die beiden großen Kammern, in die Schiffe von hundertachtzig Metern passten, und ganz außen, am Ufer, die kleine. Die Bootsschleuse. Zweiundzwanzig Meter lang, dreieinhalb breit, Mauern aus Beton, die am oberen Rand noch hell waren und unten, wo das Wasser stand, schwarz.
Am Wartesteg hing ein Kasten mit einem Knopf und einer Sprechstelle. Ole drückte, und eine Weile passierte nichts. Dann knackte es.
„Sportboot an der Bootsschleuse Griesheim, bitte warten, Sie werden aufgerufen."
Die Stimme kam nicht aus dem Turm. Im Turm war seit Jahren niemand mehr. Die Stimme saß in Kostheim, fünfundzwanzig Kilometer flussabwärts, vor Bildschirmen, auf denen Griesheim eines von mehreren Fenstern war. Henrik sah die Kamera an der Mauer, eine kleine graue Kuppel, und sah dann weg.
Die Ampel sprang auf Grün. Das untere Tor schwenkte auf, langsam, und gab eine Kammer frei, die aussah wie ein Hof zwischen zwei hohen Häusern, nur dass der Boden Wasser war.
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Ole fuhr hinein, drosselte, legte an. In der Mauer steckten Leitern, alle paar Meter eine, und an den Leitern hingen Stangen, an denen man die Leinen führen konnte. Er gab Henrik die vordere.
„Nicht festmachen. Nur halten. Und mitgehen."
Hinter ihnen kam noch ein Boot, ein Kajak, eine Frau mit grauem Zopf, die ohne ein Wort anlegte, als mache sie das jede Woche. Dann schloss sich das Tor. Es war nicht laut. Es war nur endgültig, so wie ein Tor endgültig ist, das von außen bedient wird.
Henrik stand vorne, die Leine in der Hand, und sah an der Mauer hoch. Oben, am Rand, ein Stück Himmel, ein Geländer, zwei Radfahrer, die über die Anlage fuhren und nicht herunterschauten. Die Mauer war nass und kalt und roch nach Fluss. Er kannte das. Nicht die Schleuse. Den Raum. Die Art von Raum, in der man wartet, bis jemand anderes entscheidet, und in der niemand sagt, wie lange.
„Jetzt kommt's", sagte Ole.
Es kam von unten. Kein Rauschen, erst nur eine Bewegung im Wasser, ein Drücken, als würde die Kammer von innen gefüllt, was sie wurde. Das Boot hob sich. Die Leine zog, und Henrik ließ sie durch die Hand laufen, Stück für Stück, wie Ole gesagt hatte, und die Stange an der Leiter wanderte an ihm vorbei nach unten. Die schwarze Mauer wurde weniger. Die helle wurde mehr.
Die Frau im Kajak hielt sich mit einer Hand an einer Sprosse und sah geradeaus.
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Henrik hatte als Kind gelernt, dass es Räume gibt, die geschlossen werden, damit man darin etwas erledigt, das man nicht erledigen kann. Er hatte die Stunden gezählt, später nicht mehr. Er hatte gelernt, still zu sein, bis sich etwas von außen bewegte, und dass es keinen Unterschied machte, ob man dabei still war oder nicht.
Das hier war anders, und er brauchte die halbe Hubhöhe, um zu verstehen, worin.
Niemand hatte ihn hier hineingesperrt. Er war hineingefahren. Die Kammer war nicht geschlossen worden, damit er etwas löste. Sie war geschlossen worden, damit sie ihn hob. Und die Stimme, die das Tor bediente, war fünfundzwanzig Kilometer weit weg, aber sie war da, sie hatte einen Dienstplan und eine Kamera, und sie hatte gesagt, er werde aufgerufen. Er war aufgerufen worden.
Er hatte eine Leine in der Hand. Er tat etwas. Er ging mit.
„Du hältst sie zu fest", sagte Ole, ohne sich umzudrehen.
Henrik lockerte die Hand. Das Boot stieg weiter, ganz von selbst.
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Oben wurde es hell. Erst die Mauerkronen auf Augenhöhe, dann darunter, dann der Blick über die Anlage weg: das Wehr mit seinen drei Walzen, der Steg, der auf halber Höhe über die Pfeiler lief, Kormorane auf den Dalben, und dahinter, weit, die Türme der Stadt, die vorher hinter dem Damm gewesen waren.
Das Wasser in der Kammer stand still. Es stand so hoch wie das Wasser davor.
Das obere Tor öffnete sich. Niemand hatte etwas gesagt. Es ging auf, weil es jetzt aufging.
„Das war's", sagte Ole und startete den Motor.
Henrik stand noch einen Moment mit der Leine da, die jetzt nichts mehr hielt. Dann legte er sie zusammen, ordentlich, so wie man etwas zusammenlegt, das man noch einmal brauchen wird.
Die Frau im Kajak paddelte vor ihnen hinaus und bog nach rechts, ans Ufer, wo ein Mann wartete und ihr die Hand reichte.
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Sie fuhren langsam, der Main war hier breit und grün, und links lag Griesheim, Gärten bis ans Wasser, ein Reiher auf einem Pfahl.
„Du warst ganz still da drin", sagte Ole.
„Ja."
„Ist das schlimm?"
Henrik überlegte. Hinter ihnen schloss sich das Tor wieder, für das nächste Boot, und die Kammer begann sich zu leeren, bis sie wieder unten war, bis sie wieder schwarz war, bis jemand den Knopf drückte.
„Nein", sagte er. „Ich wusste nur lange nicht, dass es so was gibt."
„Schleusen?"
„Dass man hoch kommt, wenn es zu ist."
Ole nickte, als sei das eine Aussage über Schleusen, und gab Gas.
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Eine Kammer, die sich hinter einem schließt, ist für sich genommen nichts. Sie wird erst zu etwas durch das, was dann geschieht: ob Wasser kommt oder nicht, ob jemand zuständig ist oder nicht, ob man eine Leine in der Hand hat oder nur die Wand.
Wer das Verfahren kennt, geht mit. Wer es nicht kennt, hält fest. Von außen sieht beides gleich aus. Das Boot steigt so oder so.