Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 21. September 2026

Kontaktzeit

Beim Aufgießen von Hand ist das Wasser nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist die Zeit, die es im Pulver verbringt.

Man gießt zuerst nur wenig, gerade genug, um das Pulver zu benetzen, und wartet dreißig Sekunden. Das Kaffeemehl hebt sich dabei, es bläht auf und wirft Blasen, weil das Gas aus der Röstung entweicht. Erst danach gießt man den Rest, langsam, in engen Kreisen von der Mitte nach außen, nie an den Rand.

Wer zu schnell gießt, bekommt keinen stärkeren Kaffee, sondern einen schwächeren. Das Wasser sucht sich den kürzesten Weg, läuft an der Filterwand hinunter und am Pulver vorbei, und was unten ankommt, ist heiß und braun und hat fast nichts mitgenommen.

Und es läuft nur in eine Richtung. Was einmal durch ist, geht nicht zurück nach oben.

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Die Wohnung hatte Jakob im Frühjahr gesucht und früh im Sommer bezogen, zwei Zimmer in einer Siedlung aus den Fünfzigern, erster Stock, Balkon nach Westen.

Es war die erste Entscheidung in zwölf Jahren, die er allein getroffen hatte. Moritz wollte mit der Wohnung von Anfang an nichts zu tun haben, also nahm Jakob sie ganz als seine: den Vertrag, die Kaution, die Arbeit, das Risiko. Er wollte zeigen, dass er vernünftig handelte und dass es aufging, sich selbst, vor allem aber den anderen.

Er hatte es vorgerechnet: an den Wochenenden vermieten, unter der Woche für die späten Abende in der Stadt, wenn die letzte Bahn nach Hause um halb zwölf ging. Nach einem Jahr würde sie sich selbst tragen. Er hatte eine Tabelle dafür, mit Auslastung, Nebenkosten und einer Spalte für die Reinigung. Wenn er nachts wach lag und sich fragte, wofür er das eigentlich tat, stand er auf und rechnete sie noch einmal durch.

Moritz hatte sich die Tabelle angesehen und genickt. Die Zahlen stimmten. Skeptisch blieb er trotzdem.

Die Wohnung war frisch kernsaniert, als er sie bekam, leer und weiß. Den Sommer über machte er sie zu seiner. Er strich Wände und Decken, verlegte die Böden selbst und schraubte die Leisten an, Raum für Raum. Die Möbel suchte er geduldig zusammen, fast alles gebraucht und fast alles gut: einen Sessel aus einer Haushaltsauflösung, dessen Armlehnen er neu ölte, einen Tisch, den jemand in Nippes an die Straße gestellt hatte und den er abschliff, bis das Holz wieder hell war, einen Kaffeefilter aus Porzellan mit einem feinen Haarriss am Henkel, den man nur sah, wenn man ihn gegen das Licht hielt. Zu Hause stand der Vollautomat, den Moritz ausgesucht hatte, mit Display und Milchschaum. Hier gab es nur den Filter, also lernte Jakob, von Hand aufzugießen.

Beim ersten Mal hob sich das Pulver, als er das Wasser darübergab, es blähte sich und warf kleine Blasen, und er stand da und sah zu, bis es sich wieder gesetzt hatte. Er hatte nicht gewusst, dass Kaffee das tut.

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Die ersten Gäste kamen im Juli, als es im Flur noch nach frischer Farbe roch. Ein Paar aus Leipzig, zwei Studentinnen, ein Mann, der zu einer Messe wollte und die Kaffeebohnen aufbrauchte.

Sie schrieben gute Bewertungen. Die Frau aus Leipzig schrieb, man merke, dass hier jemand mit Liebe eingerichtet habe. Jakob zeigte Moritz die Bewertungen und die Tabelle, in der die Auslastung inzwischen über dem Plan lag. Moritz sagte, das sei schön. Er blieb skeptisch, und Jakob verstand nicht, was ihm noch fehlte.

Jakob putzte nach jedem Aufenthalt, bezog das Bett, wischte die Arbeitsplatte und legte eine Karte hin. Er tat es gründlich und gern, und es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass er es nicht wegen der Gäste gern tat, sondern wegen der Stunden danach. Wenn alles sauber war und niemand kam, blieb er manchmal sitzen, goss sich einen Kaffee auf und trank ihn auf dem Balkon, obwohl dort vormittags keine Sonne war.

Ende August kam der Brief von der Hausverwaltung. Die Untervermietung sei nicht genehmigt. Abmahnung. Die gewerbliche Nutzung sei umgehend einzustellen.

Er las ihn zweimal. Dann stornierte er alle Buchungen bis zum Jahresende, schrieb jedem Gast ein paar Zeilen und erstattete das Geld.

Er hatte damit gerechnet, dass er sich ärgern würde. Die Tabelle war jetzt falsch. Die Wohnung würde sich nicht mehr tragen, sie würde Geld kosten, jeden Monat.

Er ärgerte sich nicht.

Es dauerte ungefähr zwei Wochen, bis er verstand, warum. An einem Morgen, das Pulver war gerade aufgequollen und er wartete die dreißig Sekunden ab, war es plötzlich da, nicht als Überlegung, sondern als etwas, das einfach stimmte: Es war nie um das Geld gegangen. Er verdiente genug. Die Vermietung war nie der Zweck der Wohnung gewesen, sondern ihre Begründung. Er hatte einen Grund gebraucht, sie haben zu dürfen, einen, den man Moritz nennen konnte und sich selbst.

Der Grund war weg. Die Wohnung war noch da.

Die Tabelle hatte gestimmt, jede Zeile. Sie hatte nur nichts mit ihm zu tun gehabt. Wie Wasser, das außen am Filter hinunterläuft, heiß und schnell, und das Pulver nicht einmal berührt.

Und an diesem Morgen fiel ihm Moritz' Skepsis wieder ein. Sie hatte nie den Zahlen gegolten. Sie hatte der Frage gegolten, wofür die Wohnung sonst noch da war. Moritz hatte das vermutlich früher gewusst als er.

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Danach schlief er öfter in der Stadt als zu Hause.

Moritz fragte nicht viel. Einmal kam er zum Kaffee, sah sich in beiden Zimmern um, stand dann eine Weile am Fenster und sagte, die Siedlung sei ihm irgendwie zu … Er suchte das Wort und fand es nicht.

„Einfach?“, sagte Jakob.

„So ungefähr.“

Jakob war in so einer Siedlung aufgewachsen, drei Straßen weiter hätte es auch sein können: Waschküche im Keller, Wäschespinnen im Hof, ein Kiosk an der Ecke. Er sagte nichts dazu. Er goss Moritz einen Kaffee auf, langsam, und Moritz sagte, der schmecke gut, und trank ihn aus, bevor er warm geworden war.

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In diesen Wochen saß Jakob abends an einer zweiten Tabelle.

Sie war für den Fall, an den er nicht dachte. Wenn es mit Moritz vorbei wäre, würde er das Haus behalten wollen, das stand für ihn fest. Er hatte ausgerechnet, wie: das Erdgeschoss weiter vermieten, die obere Wohnung teilen, eine zweite Küche unters Dach, ein zweites Bad, eine Galerie über dem Arbeitszimmer. Es würde zwei Jahre dauern und viel Geld kosten, und am Ende würde er allein in einem ausgebauten Dachgeschoss wohnen, über zwei Mietparteien, in einem Ort, an dem er sich wohlfühlte.

Er hatte die Tabelle drei Wochen lang fast jeden Abend geöffnet.

Und dann öffnete er sie nicht mehr. Er merkte es erst ein paar Tage später, an einem Morgen, als der Kaffee durchlief und er aus Gewohnheit nach dem Laptop greifen wollte und es ließ. Er fühlte sich in dem Haus wohl, das stimmte. Aber es war ein anderes Wohlfühlen als hier. Das Haus hatte nichts mit dem zu tun, woher er kam. Es war ein Beweis gewesen, dass er es geschafft hatte, aus der Siedlung heraus, einer, den man vorzeigen konnte. Er brauchte ihn nicht.

Er nahm den Filter von der Tasse und sah hinein. Das Pulver lag dunkel und nass am Boden des Papiers, flach geworden, zusammengesackt. Es sah fast aus wie vorher. Was sich daraus lösen ließ, war unten in der Tasse. Der Rest blieb oben.

Die Tabelle blieb auch oben. Er löschte sie nicht. Er öffnete sie nur nicht mehr, und er wusste, dass er sie nicht mehr öffnen würde. Was einmal durch war, ging nicht zurück.

Inzwischen hatte er bemerkt, dass bei ihm zwischen Wissen und Fühlen ungefähr zwei Wochen lagen. Beim Brief war es so gewesen, beim Haus wieder. Er konnte nichts tun, um das abzukürzen. Er konnte nur aufhören, es für einen Fehler zu halten.

Was ihn überraschte, war das Danach. Er hatte gedacht, wenn er das Haus nicht mehr brauche, dann auch Moritz nicht mehr, das eine hänge am anderen. Es war umgekehrt. Ohne das Haus als Frage blieb nur noch Moritz übrig, und da merkte er, dass er ihn wollte. Nicht brauchte. Wollte.

Das machte es nicht leichter. Nur genauer.

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Ende September sagte er Moritz, dass er bis zu den Herbstferien vor allem in der Stadt bleiben werde. Nicht um zu gehen. Um herauszufinden, was er in dieser Ehe braucht. Und er bat Moritz, dieselbe Frage für sich zu beantworten.

Moritz nickte und sah eine Weile aus dem Fenster. Dann sagte er: „Okay.“

Am Morgen danach wollte Jakob früh los, er wusste selbst nicht genau, wohin, irgendwohin, wo etwas zu erledigen war. Er setzte das Wasser auf, legte den Filter auf die Tasse und dachte schon an den Tag.

Er übergoss das Pulver in einem Zug.

Das Wasser stieg bis an den Rand, schwappte über, lief an der Außenseite des Filters herunter, über den Tassenrand, auf die Arbeitsplatte und von dort in einer dünnen Linie bis zur Schublade.

Er wischte es weg. Dann trank er einen Schluck.

Der Kaffee war heiß und dunkel und schmeckte nach fast nichts. Nach Wasser mit einer Erinnerung an Kaffee.

Er kippte ihn in die Spüle.

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Beim zweiten Mal goss er nur ein wenig. Gerade genug.

Dann wartete er.

Das Pulver hob sich, langsam, in der Mitte zuerst, und warf kleine Blasen, die an der Oberfläche aufgingen, und es roch plötzlich sehr stark, nach Kaffee und ein wenig nach Erde. Dreißig Sekunden sind lang, wenn man nichts tut.

Unten auf der Straße fuhr ein Bus. Im Treppenhaus schlug eine Tür. In der Wohnung über ihm lief ein Radio, zu leise, um zu erkennen, was.

Niemand sagte „morgen“. Niemand fragte, ob noch Milch da ist. Niemand stand im Weg, als er zum Schrank ging.

Und da kam es an.

Es kam nicht als Gedanke, den hatte er längst. Es kam weiter unten, unter dem Brustbein, und es war schwer, so schwer, dass er sich mit der freien Hand an der Arbeitsplatte abstützte. Dass es enden konnte. Dass er Moritz vermisste, gerade jetzt, obwohl er ihn gestern gesehen hatte. Dass er es trotzdem tat, und dass es seins war, egal wie es ausging.

Der Kopf blieb dabei ganz ruhig. Er wusste nicht, ob es richtig war, in dem Sinn, wie es am Ende aussehen würde. Er wusste nur, dass er es nicht auflösen musste. Er konnte es halten, während es wehtat.

Er goss den Rest auf, in engen Kreisen, von der Mitte nach außen, nie an den Rand. Es dauerte fast drei Minuten.

· · ·

Wer Kaffee beurteilen will, probiert ihn nicht nur einmal.

Man probiert ihn heiß, und wieder, wenn er warm ist, und ein drittes Mal, wenn er lauwarm geworden ist. Er verändert sich beim Abkühlen. Die Hitze überdeckt viel, im Guten wie im Schlechten. Was ein Kaffee wirklich ist, merkt man oft erst, wenn er nicht mehr dampft.

Er verliert dabei nichts. Er zeigt sich nur.

Jakob setzte sich mit der Tasse aufs Bett und sah aus dem Fenster auf die Bäume im Hof. Auf dem Telefon war ein Foto von Moritz, ohne Text: das Bett zu Hause, seine Tasse auf der Decke, die beiden Katzen am Fußende.

Er sah es lange an. Der Kaffee war zu heiß, also wartete er.

Als er den ersten Schluck nahm, war der Kaffee lauwarm, und er war gut. Er nahm sich vor, ihn noch einmal zu probieren, wenn er kalt war.

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