Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 11. Oktober 2026

Die Wolfsquinte

Man kann ein Klavier nicht richtig stimmen.

Das ist keine Frage des Könnens, es ist Arithmetik. Wenn man die Quinten rein stimmt, eine nach der anderen, und einmal im Kreis herum durch alle zwölf Töne, dann kommt man nicht dort an, wo man losgegangen ist. Man landet ein kleines Stück daneben. Das Stück heißt pythagoreisches Komma und ist ungefähr ein Achtel Ton groß, und man kann es nicht wegdiskutieren.

Früher hat man es weggeschoben. Man hat elf Quinten schön gemacht und den ganzen Fehler in die zwölfte gepackt, und die klang dann so, dass man sie nicht spielen konnte. Die Wolfsquinte, weil sie heult.

Heute verteilt man ihn. Jede Quinte wird ein bisschen zu eng gestimmt, so wenig, dass es niemand hört, und dafür kann man in allen Tonarten spielen. Nichts ist perfekt und alles ist möglich.

Ansgar erklärt das ungefähr zweimal im Jahr jemandem, der danach fragt. Die meisten fragen nicht.

· · ·

Die Wohnung war im dritten Stock, Sülz, Altbau, und der Schlüssel lag unter der Fußmatte, wie vereinbart.

Frau Kortmann hatte geschrieben, sie sei bis vier bei der Arbeit, er solle einfach anfangen. Ansgar mochte solche Termine. Vier Stunden allein in einer fremden Wohnung, in der niemand von ihm etwas wollte, und am Ende ein Instrument, das vorher nicht ging und danach ging.

Er zog die Schuhe aus, obwohl es niemand sehen konnte, und ging durch den Flur.

Das Klavier stand im hinteren Zimmer, ein gebrauchtes Schimmel aus den Achtzigern, nicht schlecht, nicht besonders. Auf dem Notenpult lag ein Heft für Erwachsene, Band eins, aufgeschlagen bei einer Seite mit einem Menuett, und jemand hatte mit Bleistift die Fingersätze über die Noten geschrieben. Alle. Bei jeder Note.

Ansgar sah sich das eine Weile an.

Dann machte er den Deckel auf und schlug das A an und wusste, was er die nächsten Stunden zu tun hatte.

· · ·

Es war zu tief. Nicht dramatisch, aber deutlich, so wie es Klaviere sind, die lange in einem Zimmer stehen, in dem im Winter geheizt und im Sommer gelüftet wird. Der Stimmstock hielt noch, das war das Wichtigste. Die Mechanik war staubig und ansonsten in Ordnung.

Er fing an.

Man macht das nicht Ton für Ton der Reihe nach. Man legt zuerst eine Oktave in der Mitte fest, das Fundament, und alles andere richtet sich danach. Man hört dabei nicht auf Töne, sondern auf Schwebungen — dieses langsame Pulsieren, das entsteht, wenn zwei Saiten fast dasselbe machen und eben nicht ganz. Beim reinen Intervall steht es still. Beim gestimmten Klavier pulsiert es, und zwar in jedem Intervall unterschiedlich schnell, und diese Geschwindigkeiten muss man im Kopf haben.

Ansgar zählt sie nicht mehr. Er hat sie irgendwann gehört und seitdem nicht wieder verloren.

Es dauerte zwei Stunden für das Fundament und noch einmal eineinhalb für den Rest. Zwischendurch machte er sich einen Kaffee, weil Frau Kortmann geschrieben hatte, er solle sich bedienen, und er trank ihn im Stehen an ihrem Küchenfenster und sah in den Hof.

Es war ein guter Kaffee. Sie hatte eine kleine Maschine, die jemand regelmäßig sauber machte.

· · ·

Um zehn nach vier hörte er den Schlüssel.

„Ich bin's“, rief sie vom Flur. „Nicht erschrecken.“

Frau Kortmann war einundsechzig und trug einen Mantel, den sie im Gehen aufknöpfte, und sie kam ins Zimmer und blieb in der Tür stehen, als traue sie sich nicht näher.

„Und?“

„Der hält noch gut“, sagte Ansgar. „Der Stimmstock ist in Ordnung. Er war ungefähr einen Viertelton zu tief, das kommt vom Umzug und vom Winter. Jetzt steht er.“

„Ich hab ihn im März gekauft.“

„Ja.“

„Von einer Frau in Nippes, deren Sohn ausgezogen ist.“ Sie zog den Mantel aus und legte ihn über die Stuhllehne. „Ich hab vorher nie gespielt. Ich mein, nie. Ich hab mit sechzig angefangen.“

Ansgar packte seine Sachen ein und sagte nichts dazu, weil es nichts zu sagen gab, was nicht dumm gewesen wäre.

„Alle fragen, warum jetzt noch“, sagte sie.

„Das ist eine blöde Frage.“

Sie sah ihn an, kurz.

„Finde ich auch.“

· · ·

Er hätte gehen können. Die Rechnung schickte er ohnehin per Mail.

Er blieb stehen, mit der Tasche in der Hand, und sagte: „Wollen Sie mal probieren? Ob es sich anders anfühlt?“

„Vor Ihnen?“

„Ich hör nur, ob er stimmt.“

Das war gelogen, aber es war die Sorte Lüge, die stimmt, wenn man sie sagt.

Frau Kortmann setzte sich hin, rieb sich die Hände an der Hose ab und fing das Menuett an.

Sie spielte es langsam und mit den Fingersätzen, die über den Noten standen. Sie verzählte sich in Takt fünf und fing wieder an. Beim zweiten Mal kam sie bis zum Ende des ersten Teils, und die linke Hand hinkte hinterher, und einmal hielt sie eine Viertelnote so lange wie eine halbe, weil sie nachdenken musste.

Ansgar stand da und hörte alles. Er konnte gar nicht anders. Er hörte jeden Fehler und jede Verzögerung und die Stelle, an der das Pedal zu lange lag.

Und gleichzeitig hörte er, dass das Instrument funktionierte. Dass die Terzen sauber schwebten, dass es in der Mitte trug, dass ein Ton, den jemand anschlug, wirklich ankam.

Es war das Beste, was er in dieser Woche gehört hatte, und er hätte es niemandem erklären können.

Als sie fertig war, ließ sie die Hände auf den Tasten liegen.

„Furchtbar, oder.“

„Nein“, sagte Ansgar. „Der Ton ist da.“

· · ·

Auf der Treppe fiel ihm ein, dass er ihr das mit dem Komma hätte erklären können. Dass nichts von dem, was sie da gerade gespielt hat, in irgendeinem physikalischen Sinne richtig war. Dass jede einzelne Quinte in diesem Klavier ein wenig zu eng steht, absichtlich, damit alles andere geht.

Er ließ es.

Draußen war es hell und windig, und er hatte noch einen Termin in Ehrenfeld, halb sechs, ein Flügel in einer Kita, der seit vier Jahren nicht angerührt worden war.

Er ging zu Fuß und nahm sich Zeit dafür.

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