Blindprobe
An eine Probe kann man zwei Fragen stellen, und man darf sie nicht gleichzeitig stellen.
Die eine lautet: Was ist da? Die andere: Mag ich es? Konrad brachte Prüfern seit zwölf Jahren bei, dass die zweite Frage in ihrer Arbeit nicht vorkommt. Ein geschultes Panel sagt nicht, ob etwas gut ist. Es sagt, was darin ist, in Wörtern, auf die man sich vorher geeinigt hat, und die Frage nach dem Gefallen wird woanders gestellt, von anderen Leuten, in einem anderen Raum.
Fast alle hielten das anfangs für eine Schikane. Es ist aber nur eine Reihenfolge. Wer zuerst weiß, ob er etwas mag, beschreibt hinterher nicht mehr die Probe, sondern sein Urteil.
Dazu gibt es einen Versuch, den Konrad in jeder Einführung erzählte, weil er ihn selbst nie ganz verwunden hatte. Man färbte Weißwein rot ein und gab ihn Fachleuten. Die beschrieben ihn mit den Wörtern für Rotwein. Nicht aus Unfähigkeit, sondern weil das Auge die Antwort vorgesagt hatte und der Mund sie bestätigte.
Deshalb das schwarze Glas. Es nimmt nichts weg außer der Information, die im Weg steht.
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Konrad kam zu spät, weil die Ringbahn im Süden wieder langsamer fuhr, und an der Kasse hörte er, wie einer nach hinten rief, es seien noch acht Hauben da. Vor ihm standen drei.
Er rechnete kurz. Dann hörte er auf zu rechnen, bezahlte, zog sich in der Umkleide um und gab seinen Beutel ab. Für einen Überblick war keine Zeit. Jemand führte ihn ein paar Schritte weit, stellte ihn irgendwo hin, sagte, hier, und setzte ihm die Haube auf.
Der Stoff roch nach Waschmittel. Durch die Kapselgehörschützer kam die Musik als Druck, nicht als Klang.
In den zehn Sekunden davor hatte er die anderen noch gesehen. Sie standen alle in dieselbe Richtung, den Rücken zum Gang, wie eine Reihe Proben auf einem Tablett, die darauf wartet, beurteilt zu werden.
Konrad stellte sich anders hin. Nicht aus Trotz. Es war die einzige Entscheidung, die ihm noch geblieben war, und er traf sie.
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Er war neunzehn gewesen, als er das Prüfen gelernt hatte.
Eine Party in einer Wohnung in der Nähe der Universität, und am Ende war er mit einem gegangen, der zwei Köpfe größer war und schon arbeitete. Konrad hatte den ganzen nächsten Tag gute Laune gehabt, und abends, beim Bier, hatte er es erzählt.
Einer seiner Freunde hatte gesagt: Der? Ernsthaft?
Es war nicht böse gewesen. Es war nicht einmal laut gewesen. Es war eine Feststellung über eine Probe, und alle am Tisch hatten sie sofort bestätigt, und Konrad hatte mitgelacht, weil Mitlachen billiger war als alles andere.
Danach hatte er nie wieder etwas erzählt, ohne vorher zu wissen, wie es ankommt. Er hatte sich das Sortieren angewöhnt, das Abschätzen, das schnelle Urteil über einen Raum hinweg, und das so gründlich, dass er es später für Geschmack hielt.
Zwölf Jahre lang sagte er Leuten, sie sollten die zweite Frage weglassen. Bei sich hatte er es nie versucht. Bei sich ging es nicht. Er sah ja.
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Die ersten Hände waren vorsichtig. Eine Handfläche flach auf dem Brustbein, eine andere am Bauch, jemand kraulte ihn zwischen den Beinen, mehr freundlich als fordernd. Zwei drehten ihn an der Hüfte herum, prüften den Rücken, ließen ihn los und drehten ihn nicht zurück. Er drehte sich selbst zurück.
Nach einer Weile war um ihn herum Gestöhne. Er hörte es gedämpft, aber er hörte es, und es klang gemacht, wie bei jemandem, der so laut isst, dass man hören kann, wie gut es ihm schmeckt. Er fand es albern und ließ es sein.
Dann trat einer hinter ihn und blieb.
Konrad spürte ihn an mehreren Stellen gleichzeitig, bevor er ihn spürte: einen Bauch, warm und schwer, auf dem unteren Rücken. Kurze Arme. Einen Griff, der nicht verhandelte. Der Mann atmete laut durch die Nase, in einem Takt, der mit der Musik nichts zu tun hatte.
Es dauerte nicht lang.
Den, dachte Konrad, hätte ich nicht genommen.
Der Gedanke kam ohne Bitterkeit, eher wie eine Ablesung. Er hätte genau sagen können, was da war: Größe, Gewicht, Handtemperatur, ein Aftershave aus dem Drogeriemarkt, eine Uhr am linken Handgelenk, die zweimal gegen seine Rippen stieß. Ob es ihm gefiel, war eine andere Prüfung, und die fand gerade nicht statt.
Er stellte sich vor, wie es mit offenen Augen gewesen wäre. Der Blick durch den Raum, das Abschätzen, die Kategorien, die er nie laut nennen würde. Der Mann hätte keine Chance gehabt, und Konrad hätte das für Geschmack gehalten.
Jetzt ging es nicht. Jetzt hatte der Mann ihn, und Konrad hatte den Mann, und niemand verlor dabei etwas.
Er konnte es ihm gönnen. Das war das Unerwartete.
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Später kam einer, der anders anfing.
Er nahm Konrads Hand und legte sie auf sich, und dazu sagte er etwas, das Konrad durch den Gehörschutz nicht verstand, aber der Tonfall war eine Frage. Konrad nickte. Danach war nichts mehr zu entscheiden, und das war in Ordnung, weil es angekündigt worden war.
Am Ende kniete Konrad auf dem Boden. Der Mann beugte sich zu ihm herunter, dicht an die Haube, und sagte: Ich bin fertig mit dir. Dann griff er ihm unter die Achseln, zog ihn hoch, hielt ihn fest, bis er sicher stand, und küsste ihn.
Konrad blieb stehen und merkte, dass ihm der Satz gefiel. Nicht der Ton. Dass es einen gab.
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Irgendwann fing er an, sich zur Musik zu bewegen. Ein Verlagern von einem Fuß auf den anderen, halbe Drehung, zurück. Er machte es nicht für jemanden. Er machte es, weil Musik lief und weil er sonst nur gestanden hätte.
Malte tauchte neben ihm auf und blieb. Konrad merkte es an einer Hand auf der Schulter, die anders lag als alle anderen Hände, und daran, dass danach eine Weile niemand kam.
Malte erzählte es ihm hinterher: Er habe welche weggeschickt.
Konrad hatte nichts davon gesehen. Er hätte fragen können, wen, und warum, und ob Malte das entscheiden dürfe. Er ließ es ihm. Es war Malte sichtlich wichtiger als ihm.
Dann sprach ihn einer auf Englisch an, ziemlich nah am Ohr, und fragte, woher er komme. Konrad sagte Köln. Der andere verstand Polen und wechselte die Sprache, und Konrad antwortete, bevor er darüber nachdachte, in derselben. Woher weißt du, dass ich Polnisch spreche, fragte er, und da klärte sich das Missverständnis auf, und beide lachten.
Es kamen noch welche dazu, drei Stimmen, vielleicht vier. Sie redeten über Oberschlesien und über eine Zugverbindung, die es früher gegeben hatte, und einer erzählte von seiner Großmutter, die dasselbe Wort für Tasse benutzt hatte wie Konrads Mutter. Niemand fasste ihn an.
Er stand nackt in einem Halbkreis aus Männern, die er nicht sah, und sie wollten wissen, wer er war.
Einer hockte sich irgendwann hin und schob ihm etwas in die Socke, an den Knöchel. Papier. Er klopfte zweimal dagegen, damit Konrad es merkte.
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An der Kasse war eine lange Schlange, weil alle gleichzeitig ihre Verzehrkarten abrechneten.
Irgendwo darin stand vermutlich der mit dem Bauch. Konrad sah sich nicht um. Er hätte ihn ohnehin nicht erkannt.
Vor ihm stand einer, den er sofort einsortierte. Ende dreißig, dunkle Haare, schmale Hüften, ein Hemd über der Schulter, Unterarme, an denen man sah, dass er sie benutzte. Konrad merkte, wie etwas in ihm aufwachte und sich hinstellte.
Sie kamen ins Gespräch, weil die Schlange nicht vorwärtsging. Der Mann war freundlich. Er redete über den Laden, über die Anfahrt, über eine Bar in der Nähe, die es nicht mehr gab, und er hörte zu, als Konrad etwas sagte.
„Sie sollten an der Tür mehr aussortieren“, sagte er irgendwann, im selben Ton wie alles davor. „Hast du gesehen, wer da heute wieder rumstand?“
Konrad hatte nichts gesehen. Er sagte es ihm.
„Dann geh mal zum Augenarzt“, sagte der Mann und lachte.
Konrad merkte, wie er nach einer Antwort suchte, die sitzt. Dann ließ er es, weil es ihm das nicht mehr wert war, und nickte einfach.
Alles an ihm war, wo es vorher gewesen war. Die Haare, die Unterarme, das Gesicht. Konrad sah es und hatte nichts mehr dazu.
Der Mann schrieb ihm seine Nummer auf die Rückseite der Verzehrkarte und sagte, meld dich. Konrad steckte sie ein und sagte, mach ich, und in dem Moment, in dem er es sagte, wusste er es schon.
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Beim Prüfertraining ist die erste Woche die schwerste, und zwar aus einem Grund, den die meisten nicht erwarten.
Man riecht etwas und hat kein Wort dafür. Die Wahrnehmungsschwelle liegt tiefer als die Erkennungsschwelle: Man bemerkt zuverlässig, dass da etwas ist, lange bevor man sagen kann, was. Die Anfänger halten sich dann für unbegabt und schreiben nichts auf.
Sie haben aber richtig gemessen. Es fehlt nur das Wort, und das Wort kommt später.
Draußen war es kühl und die erste Bahn fuhr noch nicht. Sie setzten sich auf die Stufen neben dem Eingang, und Konrad zog den Schuh aus und holte den Zettel aus der Socke. Eine Handynummer, ein Vorname, daneben etwas, das er nicht entziffern konnte, weil auf dem Knie geschrieben worden war.
Er hatte den Mann nie gesehen.
Malte sah ihn von der Seite an.
„Und?“
Konrad steckte den Zettel in die Hosentasche. Die Verzehrkarte ließ er, wo sie war.
„Weiß ich noch nicht“, sagte er.