Bindigkeit
Ein Kohlenstoffatom hat vier Bindungen. Es kann sie auf vier Partner verteilen oder zwei davon an denselben geben. Schwächer wird dabei keine. Was sich ändert, ist die Beweglichkeit.
Wo zwei Atome nur einfach verbunden sind, lässt sich die Bindung drehen. Die beiden Enden können sich bewegen, sich neu ausrichten, aneinander vorbei, und nichts geht dabei kaputt.
Wo sie doppelt verbunden sind, geht das nicht mehr. Eine Doppelbindung ist fest. Sie hält die beiden eng zusammen, und sie legt sie in einer Stellung fest. Was einmal oben war, bleibt oben. Man kommt da nur wieder heraus, indem man die Bindung bricht.
Enge und Starrheit sind dasselbe Phänomen, von zwei Seiten gesehen.
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Mattis war seit elf Jahren Entwickler in einem Labor für Compounds, und in diesem Herbst hatte er ein Material, das in der Kälte riss.
Es war ein Gehäuse für draußen, Zählerschränke, die zwanzig Jahre an einer Hauswand hängen sollten. Bei Raumtemperatur war die Probe tadellos. Bei minus zwanzig Grad, im Schlagversuch, brach sie, und zwar nicht weich, sondern glatt, wie Glas.
Die Ketten waren zu gerade. Gerade Ketten legen sich im Kalten nebeneinander und packen sich dicht, und was dicht gepackt ist, kann sich nicht mehr bewegen. Dann ist das Material hart, und hart heißt hier: Es gibt nicht nach, es bricht.
Er bestellte ein Comonomer, ein paar Prozent. Es reagiert mit und lässt an jeder Einbaustelle eine kurze Seitenkette stehen. Die stört, und genau darum geht es: Was absteht, verhindert, dass sich die Ketten eng aneinanderlegen.
Er notierte den Ansatz und ging nach Hause.
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Zu Hause war Emre, und Emre war der Grund, warum Mattis seit Jahren keine Freunde hatte.
Das stimmte so nicht, und Mattis wusste es. Emre hatte ihm nie etwas verboten. Es gab keinen Satz, den man hätte zitieren können.
Es gab die Frage. Wenn Mattis erzählte, dass er mit jemandem geschrieben hatte, kam sie beiläufig, beim Abräumen: Und wer ist das? Dann eine Pause, in der er hörte, wie Emre weiter abräumte. Und irgendwann, Wochen später, in einem anderen Zusammenhang, ein Satz wie: Na ja, du kennst ja inzwischen genug Leute.
Vor elf Jahren war einmal etwas gewesen, ein Abend, nach dem Emre zwei Tage nicht mit ihm gesprochen hatte. Mattis konnte sich an den Abend kaum noch erinnern, an die zwei Tage sehr genau.
Seitdem sagte er ab. Nicht auf Anweisung, sondern vorher. Es war eine Rechnung, die er inzwischen im Kopf machte, so schnell, dass sie ihm gar nicht mehr auffiel: Wie klingt es, wenn ich es erzähle? Wie klingt es, wenn ich es nicht erzähle? Und wenn beide Antworten unangenehm waren, schrieb er, dass es diese Woche schlecht passe.
Dazu kam etwas, das er nie ausgesprochen hatte: Er kannte diese Männer ja aus Zusammenhängen, in denen es um das eine ging. Hier war nichts klar, auch für ihn selbst nicht, und was nicht klar ist, hat immer schon einen Verdacht neben sich stehen.
Mit Nadja aus der Anwendungstechnik war er im Frühjahr drei Tage auf einer Messe gewesen, zwei Abende, ein Hotel. Emre hatte gefragt, wie das Essen war.
Also blieben die Stellen frei. Er hätte vier besetzen können. Er hatte eine.
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Die Einladung kam über den Fahrradladen, in dem er sein Rad warten ließ. Ruben, der dort schraubte, machte an einem Freitag im Oktober etwas bei sich, nichts Großes, ein paar Leute, Chili.
Mattis sagte zu.
Am Donnerstagabend schrieb er, dass es leider doch nicht gehe. Er hatte die Nachricht dreimal umgeschrieben, damit sie nicht nach einer Ausrede klang, und genau deshalb klang sie nach einer.
Am Freitag stand er um sieben in der Küche und sah auf sein Telefon. Emre war bei seinen Eltern. Es gab niemanden, dem er hätte erzählen oder verschweigen müssen, wo er hinging.
Er schrieb: Doch, wenn noch was im Topf ist.
Es war ein normaler Abend. Sieben Leute in einer zu kleinen Küche, das Fenster gekippt, Ruben hatte beim Würzen die Hand nicht gehoben. Zwei kannten sich vom Sport, zwei von früher, einer war neu wie er. Es wurde über Arbeit geredet, über eine Reise, über einen Vater, der dement wurde. Ruben fragte ihn nach dem Material, das in der Kälte bricht, und hörte sich die Antwort wirklich an, stellte zwei Fragen, und die zweite war besser als die erste.
Irgendwann saß Mattis mit dem Rücken an der Heizung und merkte, dass er seit Stunden nichts geprüft hatte.
Er ging als Vorletzter. An der Tür legte Ruben ihm kurz die Hand in den Nacken und sagte, schön, dass du doch gekommen bist.
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Auf dem Heimweg schrieb ihm einer aus der Runde, Jannis, er habe ihn gern kennengelernt und ob sie mal zusammen laufen gehen wollten.
Mattis las die Nachricht zweimal.
Beim zweiten Mal las er sie so, wie Emre sie lesen würde. Gern kennengelernt. Mal zusammen. Er stellte sich vor, wie er sie vorläse, und an welcher Stelle Emre den Kopf heben würde.
Dann stand er an einer roten Ampel, an der kein Auto kam, und dachte: Niemand liest hier mit.
Er antwortete: Gerne, ich bin aber langsam.
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Es kamen beide Verdächtigungen, und sie kamen im Abstand von neun Tagen.
Der erste kam von Emre, in der Küche, mit einem Lappen in der Hand. Ihm sei das schon klar, sagte er, was das eigentlich sei. Mattis richte sich das gerade in Ruhe ein, er suche sich was Besseres, und bis es so weit sei, wolle er halt nicht allein sein.
Mattis widersprach nicht. Er stand da und merkte, wie es in ihm arbeitete, und er sagte nur: So ist es nicht. Emre wischte weiter.
Der zweite kam von Jannis, nach dem Laufen, freundlich gesagt, fast beiläufig. Ob Mattis das nicht komisch finde. Da sei ein Mann, der zwölf Jahre verheiratet ist und plötzlich im Herbst seines Lebens eine Runde Freunde sucht. Er habe das ein paarmal erlebt. Am Ende brauche so einer nur jemanden, bei dem er sitzen kann, bis zu Hause wieder geklärt ist, und dann sei er weg.
Auch das ließ Mattis stehen. Erst auf dem Rückweg fiel ihm auf, dass beide dasselbe gesagt hatten, von entgegengesetzten Seiten. Er nehme sich etwas, und er gebe nichts. Der eine fürchtete, dass er verschwinde. Der andere fürchtete, dass er bleibe, solange es bequem ist.
Zwischen den beiden Sätzen gab es keinen Platz, an dem er einfach nur jemand war, der gern in einer zu kleinen Küche sitzt.
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Die Probe mit den Seitenketten kam aus dem Kälteschrank, und der Pendelhammer schlug sie nicht durch.
Sie gab nach. Der Bruch war zäh, fasrig, hässlich, und genau das war das Ergebnis: Das Material hatte sich verformt, statt zu splittern. Mattis hielt das Teil ins Licht und drehte es zwischen den Fingern.
Ein paar Prozent Störung. Sonst nichts.
Er dachte an die reine Kette, die so ordentlich war und so dicht und deshalb bei zwanzig Grad unter null kein bisschen Spiel mehr hatte. Wenn nichts dazwischen ist, legt sich alles eng aneinander, und was eng aneinanderliegt, ist starr, und was starr ist, bricht.
Er schrieb den Bericht, gab die Rezeptur frei und fuhr abends zu Ruben, weil da wieder Leute waren.
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Im November wurde er zum dritten oder vierten Mal eingeladen, er zählte nicht mehr mit.
Dario, der Freund, mit dem Ruben zusammenlebte, war die Woche über weg. Mattis blieb länger als die anderen, sie tranken den Rest vom Wein und redeten über Väter, die nicht anrufen, und irgendwann war es zwei.
Beim Gehen, schon im Flur, sagte Ruben: Wenn Dario das mitkriegt, muss er sich aber warm anziehen. Du bist ihm eine würdige Konkurrenz.
Mattis zog die Jacke an und sagte: Ergänzung.
Ruben sah ihn an. Dann lachte er kurz und sagte: Supplement.
Auf dem Heimweg schrieb er es sich auf, weil er wusste, dass er es sonst vergessen würde, so wie man die guten Sätze immer vergisst.
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In der Chemie gibt es ein Wort für eine Kette, an der keine Stelle mehr offen ist: gesättigt.
Es heißt nicht, dass nichts mehr geht. Es heißt, dass nichts mehr fehlt. Und weil keine Doppelbindung darin sitzt, lässt sich jede einzelne Bindung drehen.
Mattis lag um halb drei wach, neben einem Mann, der schlief, und rechnete nicht.