Angehörige
Auf dem Bogen gibt es ein Feld dafür. Es ist das dritte von oben, gleich unter Geburtsdatum und Konfession, und es heißt Angehörige.
Man trägt dort ein, wer eingetragen werden muss: Kinder, Ehepartner, Geschwister, gesetzliche Betreuer. Es steht nicht drin, wer kommt. Es steht drin, wer verwandt ist.
Arvid arbeitet seit elf Jahren in der Pflege und hat sich lange gefragt, warum ihn dieses Feld so beschäftigt. Inzwischen weiß er es. Es ist das einzige auf dem ganzen Bogen, das etwas behauptet, ohne es zu prüfen.
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Frau Wenders hat vier Kinder. Sie stehen alle da, mit Telefonnummern, zwei davon veraltet.
Sie ist einundneunzig und seit drei Jahren im Haus. In diesen drei Jahren war eine Tochter zweimal da, beim Einzug und an einem Geburtstag, und einmal kam ein Sohn, um etwas zu unterschreiben. Zu Weihnachten kommt eine Karte, gedruckt, mit einem Foto von Enkeln, die Frau Wenders nicht auseinanderhalten kann.
Wenn man sie fragt, sagt sie, ihre Kinder hätten viel zu tun. Sie sagt das ohne Bitterkeit. Sie hat es sich zurechtgelegt, und Arvid hat gelernt, ihr das nicht kaputtzumachen.
Bei Herrn Petrak steht unter Angehörige: keine.
Dienstags kommt eine Frau Kessler. Sie war seine Nachbarin, sie ist achtundsiebzig, sie bringt Zeitschriften mit und einen Beutel Schokoladenkekse, und sie bleibt zwei Stunden. Manchmal reden sie, manchmal nicht. Einmal hat Arvid gehört, wie sie ihm die Fußballergebnisse vorgelesen hat, ganze zwölf Minuten lang, Tabellenstand inklusive.
Auf dem Bogen kommt sie nicht vor. Für Leute wie sie gibt es kein Feld.
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Um kurz nach drei klingelt es bei Frau Wenders.
Sie hat nichts. Sie liegt wach und will nicht allein sein, und das ist ein Grund, den es in der Dokumentation nicht gibt. Arvid setzt sich für ein paar Minuten an ihr Bett, richtet nichts, misst nichts, sagt auch nicht viel.
Sie erzählt von einem Sommer in Norddeich, sechzig Jahre her, und Arvid hat die Geschichte schon dreimal gehört und hört sie noch einmal.
Draußen ist der Flur still, und in dieser Stille kommt ihm sein eigener Bogen in den Sinn.
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Unter Angehörige stünde: Henrik. Seit vierzehn Jahren.
Henrik schläft inzwischen manchmal im Arbeitszimmer und steht morgens auf, bevor Arvid wach wird. Er stellt Kaffee ans Bett und geht wieder. Letzte Woche ist er abends weg, ohne etwas zu sagen, und Arvid hat bis halb elf gewartet und dann aufgehört zu warten.
Es ist nicht so, dass da nichts wäre. Es sind zwei Stühle auf einer Terrasse und die Sonne bis halb elf und eine Serie, die sie beide nicht besonders gut finden. Das ist echt, und es ist gerade nicht erreichbar.
Unter Angehörige stünden auch Henriks Eltern, weil man das so einträgt. Arvids Schwiegermutter hat vor einem Jahr gesagt, sie wolle ihn nie wiedersehen. Sie steht trotzdem auf dem Bogen. Der Bogen fragt nicht danach.
Und unter Angehörige stünde seine eigene Familie, die es rechtlich noch gibt und sonst nicht mehr. Er hat den Kontakt vor einem Jahr auslaufen lassen, langsam, mit Begleitung, und es war richtig. Man kann etwas richtig finden und trotzdem merken, dass eine Zeile leer geworden ist.
Drei Einträge. Keiner davon trägt.
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Frau Wenders ist eingeschlafen, mitten im Satz über Norddeich. Arvid bleibt noch eine Minute sitzen und geht dann raus.
Im Stationszimmer liegt der Aufnahmebogen für den Neuzugang von morgen. Er füllt aus, was er kann.
Bei Angehörige zögert er, weil da nur ein Neffe steht, der laut Vorbefund seit zwölf Jahren nicht erreichbar ist.
Er trägt ihn ein, weil man ihn eintragen muss.
Dann geht er nach unten und schreibt in das Feld, das für alles andere da ist, für Besonderheiten und Hinweise, für alles, was sonst nirgends hinpasst:
Frau Kessler, dienstags, bringt Zeitschriften.
Das ist bei Herrn Petrak. Er hat sich vertan. Er lässt es stehen.
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Auf dem Rückweg zur Station denkt er darüber nach, was in seinem eigenen freien Feld stünde.
Milena, die ihm einen Schlüssel gegeben hat, damit er nach den Katzen sieht. Jarne, der nach jedem Besuch schreibt, ob er gut angekommen ist. Der Mann in Berlin, der ihm nachts gesagt hat, wovor er Angst hat, und nichts dafür wollte. Der Nachbar, der ihm ungefragt beim Sofa geholfen hat und danach ein Bier trinken wollte, mehr nicht.
Es ist eine längere Liste als die andere. Das hat ihn selbst überrascht, als er sie zum ersten Mal gemacht hat, vor ein paar Wochen, im Zug.
Es ist trotzdem das falsche Feld. Für diese Leute ruft im Ernstfall niemand an.
Und die im richtigen Feld kämen nicht.
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Um halb fünf wird es hell, und Arvid macht die erste Runde.
Bei Herrn Petrak brennt schon Licht. Er ist wach, wie immer um diese Zeit, und sagt, was er jeden Morgen sagt.
„Ist heute Dienstag?“
Heute ist Freitag.
„Übermorgen“, sagt Arvid.
„Ah“, sagt Herr Petrak und ist zufrieden damit, und Arvid geht weiter, und irgendwo hinten klingelt es schon wieder.