Michael Pfennig

Texte zum Denken, Lachen und Weinen

Kurzgeschichten · 11. Oktober 2026

Anfahren

Ein Güterzug fährt nicht auf einmal an.

Die Kupplungen haben Spiel, ein paar Zentimeter pro Stück, und wenn die Lok anzieht, nimmt sie zuerst nur den ersten Wagen mit. Dann den zweiten. Dann den dritten. Man hört es, wenn man daneben steht: ein Schlag, der nach hinten durch den Zug läuft, dreißig, vierzig Mal, immer leiser werdend, bis er ganz hinten ankommt.

Falk hatte als Kind am Zaun beim Rangierbahnhof gestanden und darauf gewartet. Er hatte es für ein Geräusch gehalten. Dass es eine Bedingung war, hat er erst später verstanden: Ohne das Spiel ginge es nicht. Eine Lok kann zweitausend Tonnen ziehen. Losreißen kann sie sie nicht.

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Die RB fährt um 9:41, und Falk hat seinen Platz, den vierten rechts, mit Blick nach hinten. Er trinkt Kaffee aus dem Bäckerbecher, den er sich am Bahnhof geholt hat, und der ist wie immer: verlässlich, unauffällig, nirgends schlecht.

Draußen fängt der Wald an.

Er kommt von Jarne. Es war gut gewesen. Er hatte sagen können, was er wollte, und Jarne hatte es nicht einfach gemacht, sondern erst

abgewogen und dann anders gemacht, als Falk es sich vorgestellt hatte, und besser.

Am Morgen dann noch einmal, und es war so, wie es lange nicht mehr war.

Was Falk nicht sagen wird, weil er nicht weiß, wie man es sagt: Danach hätte er gern etwas Abstand gehabt. Jarne nicht. Jarne sucht seine Nähe deutlicher, als Falk seine sucht, und das ist angenehm und stimmt trotzdem nicht ganz.

Bei Rune war es andersherum gewesen. Da hatte er selbst nicht loslassen wollen und war überrascht davon.

Zwei Männer, zwei Richtungen. Er hat lange gebraucht, um zu begreifen, dass das eine das andere nicht entwertet.

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Zwischen zwei Haltepunkten steht der Zug kurz auf freier Strecke, ohne Ansage. Falk sieht aus dem Fenster in den Königsforst und trinkt seinen Kaffee.

Er denkt an die Terrasse.

Das ist das Erste, was ihm einfällt, wenn er an Henning denkt, und er hat es lange nicht mehr zugelassen: die beiden Stühle, der Kaffee, die Sonne bis halb elf. Sie sitzen da und sagen nichts, und keiner von beiden findet das schwierig. Manchmal reden sie über die Nachbarn oder über eine Serie, die sie beide nicht besonders gut finden und trotzdem weiterschauen.

Es ist nichts daran, was man erzählen könnte. Deshalb erzählt es auch niemand.

Und daneben liegt das andere.

Das andere ist zwei Jahre alt und dauernd im Raum. Es besteht aus Gesprächen, die abgebrochen werden, aus Bildern, die jemandem beim Spaziergang einfallen, aus einem Auto, das aus der Einfahrt fährt, ohne dass jemand etwas sagt. Es ist die Ehe, die besprochen wird.

Es gibt keinen Namen für die andere. Das ist vermutlich das Problem.

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Der Zug fährt wieder an. Falk spürt den Ruck, aber nur einen — bei einem Triebwagen gibt es kein Spiel, da hängt alles fest zusammen und setzt sich auf einmal in Bewegung. Das geht, weil so ein Zug leicht ist.

Bei schweren Zügen geht es nicht.

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Henning sieht die Terrasse nicht mehr.

Das ist die Sache, an der Falk seit Monaten verzweifelt. Er hat versucht, sie ihm zu zeigen. Er hat gesagt, wie schön das gerade sei, mitten hinein, und Henning hat genickt und danach von etwas

anderem angefangen. Er hat es aufgezählt, mehrmals, und je genauer er wurde, desto weniger kam an.

Wer verliert, kann nicht gleichzeitig sehen, was noch da ist. Das ist keine Bosheit. Das ist die Bauweise.

Falk hat vor ein paar Tagen aufgehört, es ihm zeigen zu wollen. Es fühlt sich falsch an und ist vermutlich richtig.

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Kurz vor Rösrath schreibt er.

Guten Morgen, ich sitze in der Bahn nach Hause und freue mich auf dich, sehen wir uns gleich?

Die Antwort kommt schneller, als er erwartet hat.

Guten Morgen. Ja, ich bin da. Ich freue mich auch auf dich. Bis gleich.

Falk liest es zweimal.

Es steht nicht viel drin. Es steht auch nichts drin, was nicht stimmt. Und da ist ein auch, das vorletzte Woche nicht dagewesen wäre.

Er schreibt zurück, dass er sich freut, und legt das Telefon weg.

· · ·

Draußen wird der Wald lichter, und dann kommen die ersten Häuser.

Falk denkt an den Zaun beim Rangierbahnhof und daran, wie lange er gebraucht hat, um zu verstehen, was er da eigentlich gehört hatte.

Ein Zug, bei dem alles starr verbunden ist, kann fahren. Er kann nur nicht schwer sein.

Und er hat ihn sich damals immer falsch vorgestellt, den Moment des Anfahrens. Er hatte gedacht, es müsse ein Zug sein, der als Ganzes losfährt. Tatsächlich fährt vorne schon einer, während hinten noch alles steht — und das ist kein Mangel, sondern der einzige Weg, wie überhaupt etwas in Bewegung kommt.

Manchmal dauert es, bis es hinten ankommt.

Manchmal kommt es nicht an. Auch das gibt es.

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Der Zug wird langsamer. Falk trinkt den letzten Schluck und stellt den Becher auf den Tisch.

Zu Hause ist jemand, der sich freut. Auf der Terrasse steht die Sonne noch bis halb elf.

Er nimmt seine Tasche und stellt sich an die Tür, drei Minuten zu früh, wie immer.

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